Kommentar

Warum die Gegner die SVP-Schwäche nicht nutzen konnten und was die Sieger jetzt erwartet

Die Rechten setzten sich durch: Jean-Pierre Gallati, Thierry Burkart, Hansjörg Knecht.

Die Rechten setzten sich durch: Jean-Pierre Gallati, Thierry Burkart, Hansjörg Knecht.

Bei den Nationalratswahlen im Oktober noch die klare Verliererin, jetzt die grosse Siegerin: Warum die SVP Aargau gegen den Trend triumphierte bei der Ständerats- und Regierungsratswahl. Ein Kommentar.

Der 2. Wahlgang im Aargau fiel wie erwartet aus und ist trotzdem ungewöhnlich. Bei der Regierungsratswahl ist Jean-Pierre Gallati der logische Sieger, auch wenn er am Schluss zittern musste. Er hatte schlicht die grössere Hausmacht als Yvonne Feri, die mit den Stimmen von Links-Grün und Teilen der Mitte das Mögliche herausholte, aber eben knapp nicht genug, wie die folgende Grafik zeigt.

Beim Ständeratsrennen war der Fall klar: Thierry Burkart und Hansjörg Knecht hatten im ersten Wahlgang einen derart grossen Vorsprung, dass für ein anderes Ergebnis Bahnbrechendes hätte passieren müssen.

Ungewöhnlich ist das Wahlresultat, weil die SVP ausgerechnet im Herbst der linksgrünen Erfolgswelle zwei wichtige Siege abringt, nachdem sie bei den Nationalratswahlen noch herbe Verluste (minus 6,5%) hinnehmen musste.

Die Gegner konnten die SVP-Schwäche nicht nutzen. Die bürgerliche Mitte verpasste es bei der Regierungsratswahl, eine valable Alternative anzubieten. Und Rot-Grün hätte beim Ständerat nach der Ära Pascale Bruderer nur eine reelle Chance gehabt, wenn sie von Anfang an auf eine gemeinsame Kandidatur vom Kaliber einer Susanne Hochuli oder eines Urs Hofmann hätte setzen können.

Zwei ganz unterschiedliche SVP-Kandidaten

So brachte die SVP ihre Männer komfortabel (Knecht) bis knorzig (Gallati) ins Ziel. Knecht half, dass er als Person kaum aneckt und als KMU-Vertreter auch bürgerliche Wähler ausserhalb der SVP überzeugte.

Ganz anders Gallati: Er polarisiert wie kaum ein zweiter in der SVP; in seiner Gemeinde Wohlen etwa erhielt er weniger Stimmen als Yvonne Feri, was wohl auf die verhärteten Fronten in der Affäre um Walter Dubler zurückzuführen ist. Doch offenbar trauen dem bisherigen SVP-Fraktionschef genügend Wählerinnen und Wähler auch ausserhalb der SVP zu, das angeschlagene Departement Gesundheit und Soziales ins Lot zu bringen.

Jean-Pierre Gallati muss nun in der Regierung Konsensfähigkeit zeigen, ohne dabei zuviel an Bissigkeit zu verlieren. Die ist nötig in der Gesundheitspolitik, wo besonders viele Interessen im Spiel sind und mit der Spitalreform, steigenden Krankenkassenprämien und der Pflegefinanzierung komplexe Probleme zu lösen sind.

Der neue Ständerat Hansjörg Knecht wiederum sollte einen Gang hochschalten, um neben Thierry Burkart dem Aargau das nötige Gewicht in Bern zu geben. Auch wird sich bald zeigen, ob Knecht die Interessen des Kantons höher gewichtet als die Parteidoktrin – bei der SVP-Kündigungsinitiative, die ansteht und den Grenzkanton Aargau besonders in Bedrängnis bringen würde.

Schauen Sie auch den Video-Kommentar zu den Wahlen und zur Stadion-Abstimmung:

AZ-Chefredaktor Rolf Cavalli zum heutigen Wahlsonntag

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Der Kommentar von AZ-Chefredaktor Rolf Cavalli zu den Wahlen und Abstimmungen im Aargau

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