«Der Islam gehört nicht zu Deutschland», sagte der neue deutsche Innenminister Horst Seehofer vor zwei Wochen in einem Interview mit der «Bild»-Zeitung. Er widersprach damit unter anderem dem früheren Bundespräsidenten Christian Wulff, der in seiner Rede zum «Tag der deutschen Einheit» 2010 betont hatte: «Der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland». Und er setzte sich in Widerspruch zu Bundeskanzlerin Angela Merkel, die ihm in ihrer Regierungserklärung antwortete: «Es steht völlig ausser Frage, dass die historische Prägung unseres Landes christlich und jüdisch ist. Doch so richtig das ist, so richtig ist es auch, dass mit den 4,5 Millionen bei uns lebenden Muslimen ihre Religion, der Islam, inzwischen ein Teil Deutschlands geworden ist.»

Menschen, die einwandern, bringen auch ihre Religion mit. Das gilt für die Schweiz genauso. Als die Römer vor über 2000 Jahren die Kelten besiegten, importierten sie ihre Götter mit Jupiter an der Spitze nach Helvetien. Als vom 3. Jahrhundert an die Alemannen von Norden und die Burgunder von Westen vordrangen, galt teils die Religion der germanischen Götter, teils das Christentum. Erst im 7. Jahrhundert klärte sich die Glaubensfrage: Das Land zwischen Genfersee und Bodensee wurde christlich. Und über die Zeit der Reformation hinaus galt das Prinzip «cuius regio, eius religio»: Wer regiert, bestimmt auch den Glauben der Untertanen. Viele Kantone verboten bis ins 19. Jahrhundert, dass ein Katholik eine Protestantin heiratet und umgekehrt. Es gab keinerlei Religionsfreiheit. Im Gegenteil: Die Eidgenossen verfolgten nicht «zugelassene» Gläubige, vor allem die Täufer und die Juden.

Gerade das Schicksal der Juden sollte uns mahnen, die Religionsfreiheit mehr denn je als hohes Gut zu verteidigen. Die Juden, in der Schweiz seit dem 12. Jahrhundert ansässig, wurden diskriminiert und marginalisiert. Im 13. Jahrhundert gab es schlimme Pogrome, am heftigsten in Bern. 1489 wies die eidgenössische Tagsatzung alle Juden aus der Schweiz aus. Sie kamen später wieder, doch noch 1851 beschloss Baselland ein die Niederlassung und Gewerbesausübung verbietendes Judengesetz, noch 1862 zwang im Aargau die Volksbewegung von Johann Nepomuk Schleuniger den Grossen Rat, das Juden-Emanzipationsgesetz wieder aufzuheben. Erst 1866 erhielten die Juden die volle Niederlassungsfreiheit, erst von 1874 an konnten sie ihre Religion frei ausüben. Dass damit der Antisemitismus nicht überwunden war, zeigte beispielsweise die Flüchtlingspolitik zur Zeit des Zweiten Weltkrieges, als die Schweiz nur begrenzt Juden aufnahm und die Abgewiesenen in den sicheren Tod schickte.

Die Schweiz war seit jeher kein nur christliches Land. Und heute gehört auch der Islam zur Schweiz. Legt man die Angaben des Bundesamts für Statistik zugrunde, so können mindestens zehn Gruppen unterschieden werden: die Römisch-Katholischen (37,2 Prozent), die Evangelisch-Reformierten (25,0 Prozent), die Konfessionslosen (24,0 Prozent), die Muslime (5,1 Prozent), die Evangelikalen (Freikirchen und Sekten, 3,5 Prozent), die altorientalischen und orthodoxen Christen (2,3 Prozent), die Hindus (0,6 Prozent), die Buddhisten (0,5 Prozent), die Juden (0,2 Prozent) und die Christkatholiken (0,2 Prozent); dazu kommen noch 1,4 Prozent Angehöriger anderer Religionen und solche, die keine Angaben machten. Warum also sollen evangelische Sekten zur Schweiz gehören, der Islam aber nicht? Warum sollen die Atheisten zur christlichen Schweiz passen, die Muslime aber nicht?

Die Aussage, dass der Islam zur Schweiz gehört, bedeutet nicht, dass die schweizerische Rechtsordnung religiösen Begehrlichkeiten unterworfen wird. Es kommt nicht in Frage, dass auf dem Boden der Eidgenossenschaft nach der Scharia gehandelt wird, nicht einmal im Ansatz. Das Schweizer Recht ist laizistisch, abendländisch, der Aufklärung und dem Liberalismus verpflichtet. Es beugt sich keiner Religion. Aber jede Religionsgemeinschaft soll das Recht haben, frei ihren Glauben auszuüben. Gegen dieses Prinzip hat der Schweizer Souverän verstossen, als er die Initiative für ein Minarettverbot guthiess. Und er würde wohl auch dagegen verstossen, wenn er ein Burkaverbot ausspräche. «Jeder soll nach seiner Façon selig werden»: Dieser Ausspruch Friedrichs des Grossen von 1740, der leider nicht ganz der preussischen Wirklichkeit entsprach, sollte endlich durchs Band weg gelten – für Mormonen und Atheisten, für Hindus und Syrisch-Orthodoxe, für Juden und Mennoniten, für Christkatholiken und Muslime, auch in der Schweiz.

*Roger Blum war Professor für Medienwissenschaft an der Universität Bern und ist heute Ombudsmann für die SRG Deutschschweiz.