Sollte Theatermacher Milo Rau auf der Suche nach einem neuen Plot sein, soll er sich die schweizerische Diskussion um ein Abkommen mit der EU zu Gemüte führen. Da ist alles drin, was ein dramatisches Gesellschaftsstück ausmacht: Wendehälse, Angeber, sture Böcke, Mitläufer, Überläufer und Anführer, die keine sein wollen. Ginge es nicht um ein gutes Verhältnis zum wichtigsten Partner, könnten wir ob des Gebotenen hell entzückt sein.

Die Geschichte geht in aller Kürze so: Die EU fordert von der Schweiz seit gut zehn Jahren eine juristisch sattelfeste Regelung des bilateralen Austauschs. Seit 2014 wird verhandelt. Die Forderungen der Europäer sind seit Jahren dieselben. Die Schweizer Eliten wissen, was Sache ist. Der Bundesrat aber – zuvorderst der ehemalige Aussenminister Didier Burkhalter – haben es all die Jahre nicht für nötig befunden, das innenpolitische Terrain für eine Einigung mit Brüssel vorzubereiten. Stattdessen gab es Floskeln und Durchhalteparolen. Das rächt sich jetzt.

Ende 2018 schliesslich das Ergebnis der Verhandlungen. Helle Aufregung im Schweizerland. Die Gewerkschaften poltern Seite an Seite mit der einst europhilen SP gegen den geplanten Abbau des Lohnschutzes. Die SVP sagt, was sie immer sagt, wenn es um eine Annäherung an die EU geht: Nein. FDP und CVP lavieren, äussern sich aber zumeist sehr skeptisch.

Europa beginnt die Geduld zu verlieren. Man hat die Schweizer Hinhaltetaktik satt. Strafmassnahmen werden angedroht. Die Nervosität im helvetischen Hühnerstall nimmt zu. Unverhofft verlässt mit Chantal Galladé eine bekannte Politikerin die SP just mit dem Argument, deren Europapolitik gehe ihr auf die Nerven. Die Partei taucht gleichzeitig in Umfragen. Die Folge: Die Parteispitze verliert die Haltung. Aus dem kategorischen Nein im Schlepptau der Gewerkschaften wird ein Ja mit einem grossen ABER.

Selbes Spiel beim Freisinn: Auch hier merkt man, dass das Wahljahr angefangen hat. Man erinnert sich daran, dass es Freisinnige waren, die den bilateralen Weg der Schweiz verteidigt, ja massgebend ausgebaut haben. Diese Wähler sollen nicht aktiv zu den proeuropäischen Grünliberalen vertrieben werden. Darum die Volte. Plötzlich heisst die Losung: Dieser Rahmenvertrag ist gut. Wir wollen ihn unbedingt. Die roten Linien? Vergessen.

Gleichzeitig, und das macht die Wende von SP und FDP so durchsichtig wie unglaubwürdig, gibt es überall grosse ABER. Vor allem bei den Genossen, aber auch beim Freisinn, bei dem längst nicht alle Mitglieder Petra Gössis gekünstelte Euphorie für einen Deal mit der EU mittragen wollen.

Was bedeutet das nun für die Europadebatte? Wenig. Es ist Wahljahr. Dieses Abkommen ist an der Urne nicht mehrheitsfähig. Weder heute noch morgen. Es wird den Gegnern einfach fallen, die opportunistischen Salti zu entlarven. Warum soll ein Vertragstext, den bis vor kurzem fast alle kritisierten, plötzlich gut sein? Das Volk wird das nicht glauben. Hinzu kommt: Der Druck von aussen ist noch zu gering, um den zögernden Teil der Schweizer zum Umdenken zu bringen. Ein paar Nadelstiche der EU würden da natürlich helfen.

Wie weiter? Die Frage ist, ob der Bundesrat, der sich bisher die Absurdität leistete, als oberstes Führungsorgan des Landes zum wichtigsten Politgeschäft seit Jahren keine Meinung zu haben, noch vor den Wahlen im Oktober einen Entscheid treffen wird. Gescheiter nicht! Es ist ausgeschlossen, dass rasch eine glaubwürdige innenpolitische Front wächst, die dieses nötige Abkommen dem Volk schmackhaft machen könnte. Eine schlagkräftige «Koalition der Vernunft» entsteht frühestens 2020 – nach geschlagener Wahlschlacht. Christoph Blocher, der Häuptling der EU-Skeptiker, müsse Vernunft annehmen und seinen Widerstand aufgeben, fordert der «Blick». Das Gegenteil ist der Fall. Wer solche Gegner hat, schläft besser denn je.