Trockenheit

Warum Äthiopien trotz Dürre keine Hungersnot hat

Äthiopien, das - anders als 1984 - auf die Trockenheit vorbereitet ist.

Als im letzten Frühjahr die «Belg»-Niederschläge ausblieben, wussten die sesshaften Bauern und nomadischen Viehhirten in Äthiopien, dass eine schwere Zeit anbrechen würde.

Als im Sommer auch die Kiremt-Regenzeit in einigen Regionen im Osten des Landes fast ganz ausfiel, wussten sie, dass eine katastrophale Zeit anbrechen würde.

Viele, die die Hungersnot von 1984 überlebt hatten, fühlten sich an die Dürre erinnert, die Bob Geldof zum Live-Aid-Konzert inspiriert hatte. 

Ursache der Dürre war das Wetterphänomen

El Niño, das alle sieben bis acht Jahre auftritt, wenn die Ozeane im grossen Umfang Hitze an die Atmosphäre abgeben.

Als Folge könnten nach Prognosen der Vereinten Nationen und der äthiopischen Regierung in diesem Jahr rund 400 000 Äthiopier von schwerer und 1,7 Millionen von moderater Mangelernährung betroffen sein.

Derzeit ist fast ein Fünftel der Bevölkerung des rund 96 Millionen Menschen zählenden Landes auf Hilfe angewiesen. Experten befürchten, dass die Zahl sich bis Mitte des Jahres verdoppeln könnte. 

Bis vor rund 30 Jahren hätte eine schwere Dürre in Äthiopien automatisch zu einer verheerenden Hungersnot geführt. 2016 wird es höchstwahrscheinlich keine Bilder von verhungerten Äthiopiern geben.

«Die El-Niño-Folgen stellen Äthiopien vor grosse Herausforderungen, aber zusammen mit seinen internationalen Partnern wird die Regierung die Bedürfnisse der Bevölkerung befriedigen», versprach Mitiku Kassa, Vorsitzender des sogenannten Nationalen KatastrophenPräventions-Komitees unlängst.

Denn die Dürre trifft Äthiopien nicht unvorbereitet. 2013 verabschiedete der Staat eine Katastrophenrisiko-Management-Strategie, die unter anderem Frühwarnsysteme stärkte und die Verfügbarkeit von Lebensmittelvorräten in allen Landesteilen verbesserte.

Koordiniert von einer staatlichen Kommission arbeiten derzeit mindestens 66 humanitäre Organisationen in Äthiopien.

Seit Jahrzehnten ist das Land ein Liebling der internationalen Gebergemeinschaft. Die Republik, in der sich nach offiziellen Angaben fast zwei Drittel der Bewohner zum christlichen Glauben bekennen, gilt in der Unruheregion am Horn von Afrika als Bollwerk gegen den sich ausbreitenden Islamismus.

Noch fehlt es allerdings an ausreichend finanziellen Mitteln, um eine Hungersnot zu verhindern.

Nach Schätzungen der UNO sind dazu alleine in diesem Jahr insgesamt 1,4 Milliarden Dollar notwendig.

Doch erst rund die Hälfte des Geldes ist zugesagt. Hilfsorganisationen schlagen deshalb jetzt mit dramatischen Appellen Alarm. Sie wissen, dass sie mit Krisen wie dem Krieg in Syrien um Hilfsgelder konkurrieren müssen. 

Äthiopien hatte zunächst versucht, die Auswirkungen des ausbleibenden Regens kleinzureden, korrigierte die Zahl der von der Dürre Betroffenen nur zögerlich nach oben und bat die internationale Gemeinschaft erst im Oktober um Hilfe.

Denn Äthiopien wollte nicht wieder mit Hunger in die Schlagzeilen kommen. Seit dem Sturz des kommunistischen Diktators Mengistu 1991 war das Land von der Weltöffentlichkeit weitestgehend unbemerkt zum Afrikanischen Löwen aufgestiegen.

Zwischen 2004 und 2014 wuchs die Wirtschaft nach offiziellen Angaben jedes Jahr durchschnittlich um 10,9 Prozent. Das ist afrikanischer Rekord.

Im Laufe der vergangenen zehn Jahre verdoppelte sich zudem die Grösse des Strassennetzwerks.

Die neuen Strassen ermöglichen es dem Staat und den Hilfsorganisationen, jetzt auch Menschen in abgelegenen Regionen mit Hilfslieferungen zu erreichen.

Zudem wurde die landwirtschaftliche Produktion nach Angaben des Finanzministeriums seit 2010 jährlich um durchschnittlich 6,6 Prozent pro Jahr gesteigert.

Und es ist noch viel Luft nach oben. Denn noch immer werden rund 90 Prozent der Ernten auf unbewässerten Flächen erzielt.

Doch die Fortschritte werden durch das rasante Bevölkerungswachstum teilweise wieder aufgefressen. Menschenrechtler bemängeln zudem, dass die Erfolge bei der Bekämpfung der Armut auf Kosten der Freiheit gehen.

Nach dem Motto: So wenig Demokratie wie nötig, so viel Staatskapitalismus wie möglich, orientiert Äthiopien sich immer stärker an China.

Seit den Wahlen des vergangenen Jahres sitzt im 547 Abgeordnete zählenden Parlament kein einziger Oppositioneller mehr, die Partei «Revolutionäre Demokratische Front der Äthiopischen Völker» regiert mittlerweile seit fast 25 Jahren. 

Während dieser Zeit sammelte sie reichlich Erfahrung im Management von Naturkatastrophen.

Bereits während der schweren Dürre am Horn von Afrika vor knapp fünf Jahren konnte die Regierung verhindern, dass der ausbleibende Regen zu Toten führte.

Während im Bürgerkriegsstaat Somalia eine Versorgung der Hungernden kaum möglich war und Tausende starben, verhungerte 2011 nach offiziellen Angaben kein einziger Äthiopier.

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