Helikopter – ein heikles Thema dieser Tage. Da war die Schweiz gerade dabei, sich von der SRF-DOK-Serie über die Rega vom Rotorenfieber anstecken zu lassen, als am Mittwoch auf dem Gotthard ein Armeehelikopter abstürzte und zwei Menschen ums Leben kamen. Ausgerechnet auf dem Gotthard, dem sprichwörtlichen Fels in der helvetischen Brandung, dessen «Haupt die Wolken übersteiget» (wie Albrecht von Haller in seinem Gedicht «Die Alpen» 1729 schrieb) und über den jetzt schliesslich doch der Hauch einer todbringenden Tristesse zieht.

Die Rega war als erste an der Unfallstelle, noch vor den Reportern und vor der ganzen Aufregung. Sie tat das, was sie letztes Jahr im Schnitt jede Viertelstunde einmal tat: Sie leistete schnell und still medizinische Hilfe vor Ort. Wir können uns glücklich schätzen, dass wir die Rega haben – mindestens die fast 3,3 Millionen von uns, die als Gönner überall auf der Welt umsonst auf medizinische Soforthilfe zählen dürfen. Trotzdem: Die zuweilen göttergleiche Verehrung, die wir den Helden in Rot-Weiss zuteil kommen lassen, hat ihre Schattenseite. Der verklärte Blick, mit dem wir zu den Rettern, die «vom Himmel kommen» (SRF), aufblicken, ist problematisch.

Warum? Darauf komme ich gleich. Doch lassen wir uns zuerst ein wenig berieseln. Im Rekordjahr 2015 rückte die Rega 15 053 Mal aus. 825 Mal flog sie mit ihren Jets ins Ausland, um ihren Gönnern auf Repatriierungsflügen «eine Brücke in die Heimat» zu schlagen (Zitat Rega-Magazin). Denn für ihre Gönner (und für alle anderen, einfach nicht umsonst) kennt die Rega keine Grenzen. Beinbruch im Himalaya? Fuss verknackst im Hindukusch? Frühgeburt in Hurghada? Die Rega kommt und holt Sie. Das ist beruhigend – und ziemlich teuer. Doch auch die finanzielle Bilanz der Rettungsflugwacht ist eindrücklich. 60 Prozent ihrer Einnahmen (88 Millionen) generierte die Rega 2015 nämlich via Gönnerbeiträge. Fast jeder zweite Schweizer ist Gönner. Denn wenn man sich auch sonst nichts gönnt: Die 30 Franken jährlich, die liegen schon drin.

Was soll an dieser Erfolgsgeschichte problematisch sein? Die Intransparenz der Rega bezüglich dem Lohn ihres CEOs? Die ist immerhin mit ein Grund, weshalb die Rega 2014 das ZEWO-Gütesiegel für Spenden sammelnde Organisationen verloren hat. Aber bitte: (Zu) hohe Löhne gibts vielerorts, also kaum ein Grund zur Aufregung. Genau so wenig wie der Zwist zwischen der Rega und dem TCS. Die beiden hatten 2013 mit viel Pathos um die Lufthoheit am Aargauer Himmel gekeift. Der TCS ist inzwischen aus dem Helikoptergeschäft ausgestiegen, der Streit beigelegt.

Der Blick auf Hallers Alpengedicht mahnt zu mehr Weitsicht

Problematisch ist der an sich selbstverherrlichende Grundgedanke, der hinter der Rega steht: Wir Schweizer, wir sinds wert, dass man uns aus allen Spalten und Miseren dieser Welt heraus rettet und auf der «Brücke in die Heimat» zurück in unser Luxusland fliegt, hinweg über all die brennenden Welten, wo sich die Debatten nicht wie bei der Rega um die Anschaffung von topmodernen Allwetter-Helikoptern, sondern um fehlendes Verbandsmaterial, inexistente Blutreserven und zerbombte Spitäler drehen.

Natürlich ist das etwas unfair formuliert. Die Rega hilft schliesslich immer wieder bei der Krisenbewältigung im Ausland. Und eine Rega-Mitgliedschaft macht uns längst nicht zu selbstgefälligen Ignoranten. Doch scheint es mir, als wäre angesichts unserer latenten Gleichgültigkeit gegenüber den humanitären Katastrophen unserer Zeit ein erneuter Blick auf Hallers Alpengedicht angebracht. Haller schrieb, selig sei der, «den nie in hoher See das Brausen wilder Wellen, / Noch der Trompeten Schall in bangen Zelten weckt.» In diesen Zeilen können wir uns erkennen, und neben uns jene Milliarden von Weltbürgern, für die niemand medizinisch hochgerüstete Brücken in eine sichere Heimat baut.

1414 zum numerischen Nationalepos hochjubeln und die Rega mit Verehrung und Gönnerbeiträgen überschütten, das ist ok. Daneben aber dürfen wir all die anderen Retter, die manchmal zwar nicht vom Himmel und auch nicht zu uns kommen, nicht ganz vergessen. Médecins Sans Frontières, zum Beispiel. Es gibt zwar keinen fünfteiligen SRF-DOK über sie, aber Mitgliederkärtli, die man stolz ins Portemonnaie neben den Rega-Gönnerausweis stecken kann, das haben auch die Ärzte Ohne Grenzen.