Terrorismus

Vorschnell beim Namen genannt

Menschen verlassen das Olympia-Einkaufszentrum in München nach dem tödlichen Anschlag - die Polizei ist in Stellung.

Menschen verlassen das Olympia-Einkaufszentrum in München nach dem tödlichen Anschlag - die Polizei ist in Stellung.

Nach dem Anschlag auf ein Einkaufszentrum in München, bei dem im Juli neun Menschen getötet wurden, machten sich schnell die üblichen Verdächtigungen anheischig: «Terrorwarnung in München», lief es über die Ticker, die Beobachter ergingen sich in Alarmismus: Das Vorgehen trage die Handschrift des IS.

Als der Pulverdampf verzog und die ersten polizeilichen Ermittlungen anliefen, wurde klar, dass hinter dem Massenmord der 18-jährige Schüler David S. steckte, der Anders Breivik verehrte und Fotos des Amoklaufs von Winnenden archivierte. Aus dem Terroranschlag wurde ein Amoklauf, was die Öffentlichkeit aufatmen liess: kein islamistischer Hintergrund. Der Amoklauf wurde im Lauf der Berichterstattung zu einer Schiesserei bagatellisiert, was irgendwie nach Wildem Westen und Clint Eastwood klang. Jedenfalls weniger bedrohlich als Terrorismus.

Diese informellen Sprachregelungen, die die Medien in der Berichterstattung der Ereignisse treffen, entscheiden darüber, wie diese Massenmorde – der einzig unideologische Oberbegriff, unter den sich Amokläufe, Terroranschläge, Selbstmordattentate, Massaker «Schiessereien» subsumieren lassen – historisiert und im kollektiven Gedächtnis verbucht werden. Doch wäre es im Sinn der Wahrheit, der demokratische Gesellschaften verpflichtet sind, angezeigt, diesen Begriff zu dekonstruieren. Was macht eigentlich einen Terroranschlag zum Terroranschlag? Das ist ja nicht nur eine Frage der Begrifflichkeit oder sophistische Definitionshuberei, sondern eine hochpolitische Frage, weil sie präjudiziert, wie ein politisches System auf das Ereignis reagiert. Sprache ist eine Legitimationsfolie für die Politik. Auf einen Terroranschlag mit der einhergehenden Hysterisierung der Öffentlichkeit und Rufen nach Vergeltung reagiert eine Regierung anders als auf den Amoklauf eines Psychopathen, auch wenn dessen Tat der Grausamkeit eines Anschlags in nichts nachsteht.

Doch was macht einen Terroristen zum Terroristen? Welche qualitativen Voraussetzungen knüpft man an diesen Terminus? Setzt dies die Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung voraus, ein juridisch fassbarer Begriff? Muss er von salafistischen Predigern infiltriert worden sein? Reicht es aus, wenn sich ein Jugendlicher ein paar Propagandavideos des IS im Netz anschaut, um sich psychisch aufzuputschen? Ist jemand ein Dschihadist, der wild in eine Menschenmenge schiesst und dabei «Allahu Akbar» ruft?

Nach den gängigen Interpretationsmustern würden wir dies als einen Terrorakt verbuchen, weil der Täter sich mit den rhetorischen Insignien des militanten Islamismus schmückt und sein Handeln religiös zu überhöhen sucht. Die Kriterien sind diffus und willkürlich, weil sie allein den Gesetzen der Erregungsindustrie gehorchen. Man muss nur «IS» oder «Allah ist gross» rufen, schon ist man der Staatsfeind Nummer 1. Es gibt keine allgemeingültige Definition von Terrorismus, auf die man sich im öffentlichen Diskurs verständigen könnte.

Dies macht die Schwachstelle in der Zuschreibung Terrorist deutlich: Jeder Mörder, der auch nur der Anschein der Nähe zum Terrorismus erweckt, erzeugt Aufmerksamkeit und Schrecken. Die eilfertige Charakterisierung zum Terroristen öffnet Trittbrettfahrern Tür und Tor. Der Terrorismus des IS ein Mitmach-Terrorismus, bei dem sich jeder die Anleitung im Internet herunterladen kann und den ideologischen Beipackzettel gleich mit. Die geleakten, hochgeheimen Guantanamo-Ordner belegen, wie arbiträr die Kriterien sind, mit denen das US-Militär Gefangene zu Terroristen abstempelt. In einem Fall konnte sogar eine Casio-Uhr einen Gefangenen zum Terroristen machen. Der Westen schafft sich sein Feindbild selbst.

Terrorismus ist letztlich das, wozu wir ihn machen, eine soziale Konstruktion, die es erlaubt, bestimmte Militärstrategien durchzuführen und Freiheitsrechte durch die Verhängung des Ausnahmezustands wie in Frankreich zu sistieren.

Eine kritische Öffentlichkeit darf die Deutungshoheit über Terrorismus nicht den Medien und Politikern und schon gar nicht Algorithmen überlassen, die im Auftrag von Facebook und Youtube bald «terroristisches» Material filtern. Wie definiert man Terrorismus? Wie kann eine Software zwischen Realität und Fiktion differenzieren? Was würde passieren, wenn ein Algorithmus eine Szene aus einem Actionfilm als «terroristisch» einstuft? Das zeigt, wie dehnbar der Begriff ist. Wer das Wort «Terrorismus» im Mund führt, sollte auch immer erklären, warum.

Der freie Journalist studierte in Tübingen, Paris und Heidelberg Politikund Rechtswissenschaft und arbeitet für verschiedene Zeitungen im deutschsprachigen Raum.

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