Patricia Fässler kam ins Gartencenter, mit Krönli und Autogrammkarten. Da wollte ich hin. Auch wenn ich mich dann nicht getraut habe, eine Unterschrift abzuholen. Das war 1993. Ich war nicht nur ein scheues Kind, ich war auch ein Kind der 90er-Jahre. Und dazu gehörten die Missen wie die Backstreet Boys in den CD-Player.

Man denke nur an Melanie Winiger, Stéphanie Berger, Anita Buri. Man sah ihnen zu, man machte mit. Nicht ich, aber die grossen Schwestern der Schulgschpänli. Oder die etwas ambitionierteren Klassenkameradinnen. Ich beschränkte mich auf die Berichterstattung. Ja, auch in den Medien waren die Missen damals allgegenwärtig. Und die Wahl selbst ein strikt durchgetaktetes TV-Highlight. Wer der frisch gekrönten Miss die ersten Fragen stellen wollte, brauchte spitze Ellenbogen. Die Miss war Promi – nicht B oder C, sondern A. «Ex-Miss» oder «Miss-Schweiz-Kandidatin» war ein Titel.

«Wer eine Viehschau sehen will, kann die Olma besuchen.» Das sagte Connie Fauver, Co-Präsidentin des Vereins «Frauenaargau», im «Badener Tagblatt» dazu, dass an der Badenfahrt dieses Jahr im August eine «Miss Baden» gewählt werden soll. Dass «Frauen aufgrund von Oberflächlichkeiten als Objekte dargestellt» werden, findet Fauver nicht zeitgemäss.

Lohnkürzung und eine «Krone mit Herz» – man sah: Es war vorbei

Ich habe es geahnt, schon länger: Die Miss ist von gestern. Eigentlich schon, als das Schweizer Fernsehen beschloss, die Wahl nicht mehr zu übertragen. Als ich irgendwann Alina, Laetitia und Lauriane nicht mehr auseinanderhalten konnte. Als die Missen eine Lohnkürzung und eine «Krone mit Herz» erhielten. Und schliesslich, als ich merkte, dass die aktuelle Miss im Jahr 2015 erkoren worden ist.

Und so passiert 2017, was passieren muss: der Aufschrei. Ich gebe zu: Ich habe mitgeschrien. Innerlich. Nostalgisch wurde ich, war ein wenig entrüstet, weil sich jemand über meine schönen Kindheitserinnerungen hermachte. Was ist denn schon dabei?, habe ich mich erst gefragt. Dürfen Frauen jetzt nicht mehr ganz offiziell schön sein? Die Sache ist die: Nicht die Wahl ist passé, nur die Miss. Die Miss 2017 ist nicht mehr Lolita Morena, auch nicht Mahara Mc Kay und nicht einmal mehr Christa Rigozzi. Sie ist schön, auch wenn sie nicht hübsch ist. Sie ist Frau, auch wenn sie Mann ist. Sie ist Schweiz, auch wenn sie nicht hier geboren ist. Model oder Wetterfee gehören nicht mehr zu ihren Traumberufen. Sie schert sich nicht um Masse, Frisuren und Bikini-Bräune. Sie hat alles, was eine Frau so haben kann: Cellulite, Kummerspeck, Hallux. Und sie braucht weder Krone noch Schärpe als Beweis dafür, dass sie gut aussieht und Gutes tut.

Die Frau heute braucht weder Krone noch Schärpe zum Beweis

Der Widerstand gegen die «Miss Baden» hingegen kommt ganz zeitgemäss aus dem Netz. Es ist eine Facebook-Seite unter dem Titel «Miss Badenfahrt 2017». Zu sehen sind Männer mit blonden Perücken und Schlüsselblüemli im Haar, Frauen mit Schnauz oder rosa Wollbärten. Und natürlich Büsi und Einhörner. Die Initianten planen unter dem Titel «Miss-Verständnis» eine Gegenveranstaltung zur «Miss Baden». Mitmachen können alle, «ob Mann, Frau oder irgendetwas dazwischen», so Wahl-Organisatorin und SlamPoetin Patti Basler.

Die nächste Miss Schweiz soll «im 1. Quartal 2018» gewählt werden und endlich Lauriane Sallin ablösen. So verkünden es jedenfalls die wieder einmal neuen Inhaber der Miss-Schweiz-Organisation auf ihrer Website. Bewerben kann man sich seit Anfang Jahr. Im Online-Anmeldeformular gilt es, Grösse, Gewicht und Masse anzugeben. Standardmässig liegen diese im noch leeren Formular im erwünschten Durchschnitt: 184 cm, 65 kg, 90-65-90.

Gut, dass die neuen Miss-Schweiz-Organisatoren noch etwas Zeit haben. Denn die einzige Rettung für diese Veranstaltung könnte sein, das Konzept einmal mehr anzupassen – indem das Teilnehmerfeld ausgedehnt wird. Auf dicke Einhörner, Männer mit Oberweite und Büsi mit besonders hohem Jööö-Faktor.