Was sich morgen auf dem Landsgemeindeplatz von Appenzell abspielen wird, ist ein politisches Ereignis der kurioseren Sorte: Nicht etwa, weil sich zahlreiche Männer einen Säbel umschnallen, um damit im sogenannten «Ring» als waschechte Einheimische wahrgenommen zu werden. Auch nicht, weil die Landsgemeinde per se eine so einzigartige wie altertümliche Form unserer heiss geliebten direkten Demokratie ist.

Nein, die Rede ist vom aktuellen Gegenstand des kollektiven Händehebens: Die Appenzeller äussern sich am Sonntag unter anderem zur Einzelinitiative «Für eine starke Volksschule» von SVP-Mitglied Paul Bannwart. Kurios ist das deshalb, weil der Initiant selbst dagegen stimmen wird. Nach Zugeständnissen der Regierung hat er sein Begehren zurückgezogen – allerdings zu spät, sodass die Initiative nun doch vors Volk kommt.

Was auf den ersten Blick nicht ersichtlich ist: Die Initiative «Für eine starke Volksschule» richtet sich direkt gegen den Lehrplan 21, der die Harmonisierung der Lehrpläne aller – also 21 – deutsch- und mehrsprachigen Schweizer Kantone zum Ziel hat. Es ist also das erste Mal, dass sich die Bevölkerung zu diesem Megaprojekt äussern kann.

Im Juni findet im Kanton Baselland der erste echte Stimmungstest statt

Dennoch sollte dem Appenzeller Verdikt aufgrund der erwähnten Umstände und der überschaubaren Grösse des Kantons nicht allzu viel Gewicht beigemessen werden. Die Initiative, die das Rad der Zeit zurückdrehen würde, dürfte chancenlos sein.

Der erste echte Stimmungstest lässt jedoch nicht lange auf sich warten: Am 5. Juni äussert sich die Bevölkerung von Baselland zu zwei Vorlagen, die sich ebenfalls den Lehrplan 21 vorknöpfen.

Konkret stimmen die Baselbieter über Änderungen ihres Bildungsgesetzes ab, das dem Kantonsparlament ein grösseres Mitspracherecht bei der Lehrplan-Ausgestaltung geben und die Bildung von «kostentreibenden Sammelfächern» verhindern will. Der Abstimmungskampf wird für kantonale Verhältnisse dabei überaus heftig und mit grossem Mitteleinsatz geführt. Man spürt: Hier ist Feuer im Dach.

Appenzell Innerrhoden und Baselland sind jetzt zwar die ersten, bei weitem aber nicht die einzigen Kantone, in denen in nächster Zeit Vorlagen rund um den Lehrplan 21 zur Abstimmung kommen. Ihnen allen ist gemeinsam: Sie verlangen Änderungen am bisherigen Kurs.

Dabei gilt es sich wieder mal zu vergegenwärtigen, wofür das Vehikel überhaupt steht: Mit dem gemeinsamen Lehrplan werden die Ziele der Volksschule in der Deutschschweiz harmonisiert. Das macht aus verschiedenen Gründen Sinn: Die Zeiten sind definitiv vorbei, als Familien über Generationen hinweg in der gleichen Gemeinde oder zumindest im gleichen Kanton wohnten.

Sind die schulischen Systeme zu unterschiedlich, werden die Kinder schnell zu «Opfern» der elterlichen Mobilität. Das Gleiche gilt für Lehrpersonen, die von einer Anpassung der Aus- und Weiterbildungen profitieren. Zudem verbessert der Lehrplan 21 die Vergleichbarkeit – Pisa lässt grüssen – zwischen den einzelnen Kantonen.

Der Lehrplan 21 erlaubt durchaus kantonale Eigenheiten

Das alles geht zurück auf den Bildungsartikel, den die Schweizer Bevölkerung 2006 mit historischem Resultat in die Verfassung schrieb. Der Lehrplan 21 ist das Mittel zum vom Volk abgesegneten Zweck, was bei all den nun entstandenen kantonalen Begehrlichkeiten schnell in Vergessenheit gerät. Föderalismus in Ehren, aber sind Alleingänge in der kleinräumigen Schweiz wirklich zielführend? Das Bildungsland läuft ob der Vielzahl an Bäumen Gefahr, den Wald nicht mehr zu sehen.

Hinzu kommt, dass der Lehrplan 21 kantonale Eigenheiten durchaus erlaubt, solange der grössere Kontext – sprich: die Zielharmonisierung – nicht gefährdet ist. So dürfen sich Obwaldner Schüler beispielsweise schwerpunktmässig mit ihrem Schutzpatron Niklaus von Flüe auseinandersetzen.

Es ist zu wünschen, dass sich der emotional geführte «Bildungskampf» beruhigen wird, sobald der Lehrplan 21 erst mal flächendeckend eingeführt ist, Erfahrungen gesammelt sind und die Erkenntnis obsiegt, dass das «Neue» doch nicht so viel schlechter als das «Alte» ist. Profitieren würden davon in erster Linie die Kinder und Jugendlichen – und damit letztlich das ganze Bildungsland Schweiz.

 antonio.fumagalli@azmedien.ch