Der Staat hält mich für einen mündigen Bürger. Ich darf abstimmen, wählen, selbstständig die Steuererklärung ausfüllen und die Autobahnvignette posten. Ich denke, ich mache das alles recht ordentlich. Wenn nur die Autobahnvignette nicht wäre. Wir beide kommen einfach nicht zusammen.

Angefangen hat es schon vor vielen Jahren. Als ich ein neues Auto brauchte, schenkte mir der Garagist auch gleich noch die neuste Vignette und klebte sie hinter dem Innenspiegel an die Scheibe. Erstmals mit dem neuen Auto auf der Autobahn, sah ich keine Vignette auf der Windschutzscheibe. Ich fuhr schnurstracks zur nächsten Raststätte, kaufte eine und klebte sie vorne links unten auf die Windschutzscheibe. Dass ich von nun an mit zwei Vignetten unterwegs war, bemerkte ich erst Wochen später.

Dafür verpasste ich in den nächsten Jahren immer wieder den korrekten Letzterwerbstermin. Was zu interessanten Begegnungen mit meist freundliche Polizisten führte.

Deshalb kümmerten sich in der Folge nette Menschen um meine Verhaltensoriginalität im Umgang mit der Autobahnvignette und schenkten mir jeweils ein Exemplar zu Weihnachten. Weil ich viele nette Menschen um mich habe, kriegte ich dann jeweils halt auch mehrere Vignetten. Deshalb habe ich darum gebeten, man möge mir doch höchstens noch eine Vignette pro Jahr schenken. Was zur Folge hatte, dass ich diesmal gar keine gekriegt habe.

Auch damit kann ich leben. Als mündiger Bürger habe ich mir gestern die neue Vignette für 2019 wieder selber gekauft.

Warum ich das alles schreibe? Ich kann meine neue Vignette nicht mehr finden. Ich fürchte, ich habe sie irgendwo verloren. Wenn also jemand aus der Leserschaft zufällig eine blaue … Ach, was soll’s. Vignetten werden sowieso überbewertet.

joerg.meier@chmedia.ch