Ab und zu fragen wir an dieser Stelle, was denn die Schweiz im Innersten noch zusammenhält, was uns verbindet. Zurzeit gibt es da eine eindeutige Antwort: Es sind die grünen Plastikpartikel unter den Zeigefingern. Es ist Ende Januar und damit höchste Vignettenabkratzzeit. Natürlich wissen wir längst, dass das Entfernen der Vignette von Hand höchst mühsam ist. Trotzdem tun wir es immer wieder, Hunderttausende tun es in diesen Tagen; die Autofahrerinnen und -fahrer mit den grün unterlegten Zeigefingernägeln sind überall.

Natürlich wissen wir auch, dass es bessere Methoden gibt, um die saumässig gut klebende Autobahnvignette von der Windschutzscheibe zu entfernen. Es gibt allerlei Schaber, einschlägige Quellen empfehlen Nagellack oder den Föhn. Es ist auf den ersten Blick auch nicht ersichtlich, warum die Vignette so saumässig gut haften muss.

(Ich frage mich zudem, warum schlaue Vignettenverkäufer nicht schon längst auf die Idee gekommen sind, zu jeder Vignette auch gleich noch den Einweg-Vignettenschaber mitzuliefern.)

Andererseits hat es vielleicht doch auch einen tieferen Grund, warum jedes Jahr so viele Menschen in der Schweiz gegen Ende Januar minutenlang und meist gedankenverloren die Vignette mit dem Zeigefinger von der Windschutzscheibe knübeln. Ich glaube sogar, festgestellt zu haben, dass die Knübler mit den grünen Nägeln nach vollbrachtem Werk für einen Moment lang ziemlich nachdenklich wirkten.

Vielleicht erging es ihnen ja wie mir: Während des Abknübelns geriet ich ins Sinnieren: Ein Jahr lang hat mich die Vignette begleitet. Welches waren gute Fahrten, welches schwierige? Wann hatte ich unterwegs Glück? Weit bin ich gefahren und doch stets wieder am gleichen Ort angekommen. Was bringt wohl das Jahr mit der Neuen?

joerg.meier@azmedien.ch