Das ist das Paradoxe am Fall Rupperswil: Je mehr Details der Tat bekannt werden, umso unfassbarer wird sie. Je mehr wir über die Morde wissen, umso weniger können wir verstehen, wie das, was sich am 21. Dezember 2015 an der Lenzhardstrasse abgespielt hat, passieren konnte. Die gestern veröffentlichte Anklageschrift klärt zwar einige offene Fragen: wie sich Thomas N. Zutritt zum Haus verschafft hat, zum Beispiel. Gleichzeitig aber kommen neue unglaubliche Details ans Licht: dass der Täter seine Mutter jahrelang anlog und sie im Dunkeln liess über seine berufliche Tätigkeit; dass er Stunden nach der Tat völlig locker mit seinen Hunden in Rupperswil spazieren ging; dass er seelenruhig die nächsten Taten im Kanton Solothurn und im Kanton Bern plante.

Die Gesellschaft dürstet nach Antworten auf die Frage nach dem «Warum?». Weder die Anklageschrift noch der Prozess werden diese Antworten liefern. Die Richter werden juristische Gerechtigkeit schaffen. Die Hoffnung aber, dass sich die Abgründe wieder schliessen, die an jenem Dezembertag im Schweizer Mittelland aufgerissen wurden, die ist vergebens. Wir müssen lernen, mit diesen Abgründen zu leben. Wir müssen sie erkennen als das, was sie sind: unerklärliche Löcher in unserer Mitte, die wir mit rationalen Antworten nicht zuschütten können. Der Philosoph Friedrich Nietzsche hat geschrieben: «Wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.» Diesen Sieg dürfen wir den Abgründen nicht gönnen. Wir müssen lernen, unsere ohnmächtigen Blicke wieder von ihnen abzuwenden.

samuel.schumacher@azmedien.ch

Neue Details zum Rupperswiler Vierfachmord

Neue Details zum Rupperswiler Vierfachmord

Die Anklageschrift führt zu Tage, wie berechnend und brutal Thomas N. vorging. Dabei filmte er die Gewalttat und schaute die Aufnahmen monatelang an.

Experten-Einschätzung zum Fall von Rupperswil

Experten-Einschätzung zum Fall von Rupperswil

Ex-Kommissär Markus Melzl über die neuen Details zum Tathergang und über das Verhalten des Täters danach.