Medien

Vielfalt ist herrlich – aber anstrengend

Newsroom der AZ Medien in Aarau: Journalismus und Medienhäuser stehen vor grossen Herausforderungen.

Newsroom der AZ Medien in Aarau: Journalismus und Medienhäuser stehen vor grossen Herausforderungen.

Eine Analyse von Publizist und Berater Peter Hartmeier zum politischen Journalismus in der Schweiz.

Als junger Journalist bereiste ich in den frühen 80er-Jahren Zimbabwe. Der zu Ende gegangene Befreiungskrieg gegen die herrschende weisse Minderheit und die Konflikte unter der schwarzen Bevölkerung prägten das politische Leben des ausgebluteten Landes; bereits damals war Robert Mugabe ein mächtiger Mann; bekanntlich regiert er sein Land als 93-jähriger brutaler Diktator noch heute.

Auf dieser Reise begegnete ich einem Fernsehteam, das über die wirtschaftliche Lage des Landes berichten sollte – und entsprechend natürlich auch über hungernde Kinder. Dabei beobachtete ich zum ersten Mal in meinem Leben jenes Phänomen, das wir heute «Fake News» nennen: Der Kamera-Mann warf einige Geldscheine in eine Mülltonne, was die herumstreunenden Kinder beobachteten; innerhalb von Sekunden rannten sie auf die Mülltonne zu und holten die Geldscheine und Münzen aus dem Abfall heraus. Der Kameramann nahm die Szene auf. Die Botschaft für den ahnungslosen Zuschauer in Europa war perfekt im Kasten: Hungernde Kinder grapschen verzweifelt im Müll, um irgendetwas Essbares zu finden.

Erfundene Behauptungen, die niemand kontrollieren kann, gibt es aber schon viel länger: Im 19. Jahrhundert begann in der Schweiz die Ära der Parteiblätter, welche brav und konform die reine Lehre ihrer Exponenten widerspiegelten: Der Sozialist und Gewerkschafter las den «Freien Aargauer» oder das Zürcher «Volksrecht», der Katholik und CVP-Wähler das «Volksblatt» oder die «Zürcher Nachrichten» und der Freisinnige ein «Tagblatt» oder die «NZZ». Jeder Bürger konnte entsprechend seinem Weltbild ein Medium wählen, das ihn in seinem Milieu bestätigte, aufmunterte, absicherte und sicher nicht beunruhigte.

Man blieb unter sich, glücklich, zufrieden und ungestört. Falschmeldungen, konstruierte Behauptungen, unbelegte Thesen und kühne Erfindungen mussten in einem solchen Medien- und Gesellschafts-System kaum je überprüft werden. Man konnte sich gegenseitig jeweils schulterklopfend recht geben und mit einer zugegebenermassen grossen inneren Sicherheit dem Tagwerk nachgehen. Debatten über die ideologischen Grenzen hinaus waren schwierig zu führen – die eigene Sicht der Welt musste nicht hinterfragt werden.

Sehnsucht nach dem Stammtisch

Diese Zeit ist im Jahre 2017 vorbei. Die Sicherheit des Ungestört-Seins ist durch die ständig präsente Vielfalt der Globalisierung abhandengekommen. Auf jede Nachricht kommt heute eine Gegennachricht. Diese anstrengende, verunsichernde Vielfalt braucht politischen, gesellschaftspolitischen, wirtschaftlichen, kulturellen Journalismus. Aber welchen? Und wie finanziert sich ein solcher Journalismus?

Für Medienunternehmer, die auch in Zukunft politischen Journalismus produzieren wollen, verlangt diese Suche unternehmerischen Mut zu Experimenten und entsprechend finanziell vertretbaren Risiken. Nur dann wird der privatwirtschaftlich verantwortete Journalismus in eine neue Dimension und damit in die Ära der Digitalisierung geführt werden können.

Diese verunsichernde, aber anregende Vielfalt verändert nicht nur die Medienindustrie, sondern dringt in alle gesellschaftlichen Bereiche. Früher wurden Zeitungsabonnements aufgrund des gesellschaftlichen und politischen Milieus abgeschlossen – auch der Stammtisch in der Wirtschaft wurde entsprechend gewählt. Ebenso wie die Parteizeitung ist aber der ideologisch reine Stammtisch längst verschwunden.

Geblieben ist die Sehnsucht der Menschen nach Gleichgesinnten. So staunen wir nicht, dass im globalen Netz diese Sehnsucht eins geworden ist mit der Wirklichkeit. Hier bietet sich trotz gigantischer Vielfalt die Möglichkeit, nur noch jenen Meinungen zu begegnen, die dem eigenen ideologischen Weltbild entsprechen. Und erst noch unentgeltlich! Der Algorithmus im Netz erkennt und konfrontiert uns ausschliesslich mit Themen und Thesen, die uns entsprechen und uns bestätigen. Entsprechend wird eine hohe Quote von Lesern und Usern erreicht.

Das einzige starke Gegengewicht dazu bildet ein unabhängiger, von Menschen verantworteter Journalismus – ermöglicht durch private, sichtbare Kapitalgeber und hergestellt durch gebildete, ehrgeizige Journalisten. Diese Journalisten haben das Recht und die Pflicht, uns gelegentlich auch zu ärgern – obwohl wir sie bezahlen. Wir brauchen diese selbstständig denkenden, uns überraschenden Journalisten, weil wir die Algorithmen kennen und sie auch nutzen. Wir brauchen beides!

Journalisten tragen eine Mitverantwortung für das Misstrauen gegenüber den Medien. Zu oft haben wir bestimmte politische Themen moralisch aufgeladen – zwischen Thema und Meinung blieb kaum mehr Spielraum. Wer sich ausserhalb des «Mainstreams» bewegte, wurde zu schnell in die Ecke der Populisten gedrängt.

Beispiele gibt es genug: Die Ängste älterer Berufsleute vor der Konkurrenz durch gut ausgebildete Einwanderer werden zu wenig ernst genommen; der in gewissen Fällen stattfindende Missbrauch des Sozialstaats wird unpräzise dargestellt und die Schwierigkeit, Muslime mit ihren Traditionen in unsere von Emanzipation geprägte Gesellschaft zu integrieren, unterschätzt. Gesellschaftliche Vielfalt wurde zu oft als moralische Bedingung diktiert, statt sie als reizvolle, für die globale Konkurrenzfähigkeit wichtige, aber auch schmerzhafte Herausforderung darzustellen.

Diese Zeit liegt aber heutzutage mehrheitlich hinter uns: Zumindest bei den Journalisten der privatwirtschaftlich geführten Medienhäuser beobachten wir eine mittlerweile unverkrampfte Haltung auch diesen Themen gegenüber. Die unabhängige Publizistik privater Unternehmen muss aber auch deshalb in die Zukunft geführt werden, weil der traditionelle Journalismus durch die omnipräsente Bedeutung des «Netzes» an Bedeutung verloren hat. Im «Netz» kann sich jeder anonym oder offen zu Wort melden. Ein Monopol auf Öffentlichkeit existiert nicht mehr: Früher bestimmten allein die Journalisten und ihre Verleger, welche Themen und Recherchen relevant zu sein hätten – und nicht wenige fühlten sich deshalb als gut bezahlte Oberlehrer der Nation.

Im Jahr 2017 müssen die Journalisten erleben, dass immer grössere Teile des Publikums ihre Nachrichten nicht mehr in den klassischen Medien suchen, sondern sich auf andere, vielfach anonyme oder gar offen dubiose Informationsquellen abstützen. Hinzu kommen exzellente Informationsportale privater Anbieter.

Gleichzeitig wollen die Bürger nicht mehr einfach gelehrige, brave Schüler dozierender Journalisten sein, sondern mitbestimmende, mitredende Kunden, die bei Bedarf auch selbst Inhalte schaffen wollen und können. In dieser Welt ist unabhängiger, transparent finanzierter Journalismus in einer freien Gesellschaft mit direkter Demokratie notwendiger denn je. Diese sowohl technologische wie kulturelle Entwicklung verändert den Beruf des Journalisten ebenso sehr wie die Geschäftsgrundlage der privaten Medienhäuser.

Ich halte es von grösster Bedeutung für die Vielfalt unseres Landes, dass neben der mit Gebühren finanzierten SRG auch eine Handvoll privater Schweizer Medien-Unternehmen politischen Journalismus in unserem Land realisiert. Hier ist die Vielfalt gefährdet!

Eine Frage von Nähe und Distanz

In der Medienpolitik der Eidgenossenschaft spielt trotzdem die Rettung der SRG und die Debatte über staatlichen Service public die viel grössere Rolle als die Rahmenbedingungen für private Unternehmen. Aus der Erfahrung anderer Industrien wissen wir aber, dass unternehmerische Vielfalt den Freiheitsgrad des einzelnen Bürgers entscheidend beeinflusst. Deshalb besteht ein hohes Interesse an einer Medienpolitik, welche Rahmenbedingungen bietet, in denen gesunde, anpassungsfähige Unternehmen überleben und auch neue gegründet werden können. SRG hin oder her.

Dabei denke ich etwa an die notwendigen Einschränkungen der SRG-Aktivitäten im Netz; ich denke aber auch an die zahlreichen Sparten-Sender, welche das Unternehmen SRG zwar stärken, aber private Anbieter an den Rand drängen. Ebenso muss, wenn schon Gebühren in der Höhe von 1,1 Milliarden einkassiert werden, deren Verteilung neu ausgehandelt werden.

Ich halte die Vielfalt in unserem Land für einen entscheidenden Faktor: Ich mag in Basel den Novartis-Campus, wo in beeindruckender Architektur vor allem Englisch gesprochen wird; ich empfinde es als Bereicherung, wenn ich ein Meeting mit Spezialisten aus Deutschland in ihrer Sprache bestreiten darf; ich freue mich, wenn ausländische Professoren sich darum bewerben, an unseren Spitzenuniversitäten dozieren und forschen zu wollen. Diese Vielfalt macht unser Land stark – gerade weil wir die daraus entstehenden Konflikte aushalten wollen. Deshalb muss die Medienlandschaft diese Vielfalt abbilden.

Diese Vielfalt gedeiht aber nur mit einer Vielfalt unterschiedlicher privater Unternehmen. Diese Erkenntnis sollten selbst staatstragende Politiker auch ihrer SRG übermitteln. Matthias Döpfner, Medienmanager und Präsident des Deutschen Zeitungsverleger-Verbandes, sagt es deutlich: «Wir sind auf dem Weg zur Staatspresse, was nicht gesund für eine Demokratie ist. Man muss an der Stelle schon die Frage stellen, ob unsere medienpolitischen Regelungen noch zeitgemäss sind.»

Genau dieselbe Frage müssen wir auch in der Schweiz beantworten, falls wir neben der in dieser Form existierenden SRG private Medienunternehmen in die Zukunft führen wollen. Deshalb kann niemand der Frage, was denn gebührenfinanzierter Service public sei, ausweichen. Es geht nicht darum, die SRG zu schwächen, sondern eine Politik zu verfolgen, die Vielfalt ermöglicht – vorausgesetzt, man ist von der Wichtigkeit alter und neuer privater Anbieter überzeugt. Vielfalt ist für mich die Essenz der Demokratie.

Journalismus muss, wenn er erfolgreich sein will, diese Vielfalt darstellen, erklären und auch auf die Schattenseiten hinweisen; er muss allfällige Verlierer oder Abgehängte zu Wort kommen lassen. Er darf diese Vielfalt nicht beschönigen. Entsprechend erleben Journalisten die Auswirkungen von Nähe und Distanz hautnah: Sie müssen ihre Leser, User und Zuschauer kennen, um sie zu Wort kommen zu lassen; den arbeitslosen 55-jährigen Schweizer ebenso wie den jungen deutschen Arzt, der die Praxis eines verwurzelten Einheimischen übernimmt.

Was meine ich mit Nähe und Distanz? Wenn der Redaktor der am Ort verwurzelten Regionalzeitung die Öffnungszeiten der neu erbauten Kunsteisbahn recherchiert, wird er sich nicht einfach nur lustig machen über die Schliessung am späten Nachmittag – er wird versuchen, die darin verwickelten Menschen ernst zu nehmen. Genau deshalb wird dann auch sein Urteil in der Form des Kommentars ernst genommen. Diese Einflussnahme kann aber nur ein Medium entwickeln, das sich verbunden fühlt mit dem zahlenden Leser: Auch im Konfliktfall spürt der Medien-Nutzer diese emotionale Verbundenheit mit Land und Leuten – bei aller Unerbittlichkeit in der Recherche und bei aller Schärfe des Urteils.

Vor einiger Zeit erklärte mir ein politisch hoch profilierter Chefredaktor, dessen Regionalzeitung in den letzten Jahren viele Leser verloren hat, wörtlich: «Alle Mitglieder der Behörden müssen täglich zittern vor meiner Zeitung. Das ist mein Ziel.» Ich schmunzelte und stellte dem Chefredaktor – er heisst Markus Somm – folgende Frage: «Glaubst du tatsächlich, dass Menschen freiwillig 400 Franken ausgeben für ein Produkt, das in erster Linie Menschen zum Zittern bringen will?»

Die «New York Times» kämpft nicht einfach gegen Präsident Trump, sondern publiziert einen wunderbaren Lokalteil, in welchem man Zeile für Zeile den Stolz der Redaktoren auf ihre Stadt spürt – online oder im Print. Einem privatwirtschaftlichen Medium, das Erfolg haben will in seinem Markt, muss man vom Volontär bis zum Verleger diese Liebe zu den Städten, Dörfern und Landschaften, in denen ihre Leser wohnen und arbeiten, anmerken. Nur dann gelingt es Journalisten, die wirkliche Vielfalt abzubilden; nur dann werden auch kritische, unangenehme Beiträge wie peinliche Enthüllungen über Politiker akzeptiert und haben Folgen – ob in Baden oder in New York.

Und schliesslich brauchen wir im Zeitalter von erfundenen Fakten, unkontrollierbaren Behauptungen und anonym gestreuten Gerüchten Medienunternehmen mit Persönlichkeiten, denen wir unbürokratisch widersprechen können, als Leserbriefschreiber, im Netz, auf der Strasse, an einer Generalversammlung oder eben am noch existierenden Stammtisch einer Beiz. Auch das ist Vielfalt!

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