Eine junge Journalistin hat sich kürzlich auf Twitter beklagt, dass sie eine Praktikumsstelle bei einem renommierten Verlag nicht bekommen habe. Sie sei noch nie so respektlos behandelt worden, und das tue sehr weh. Ihre Reaktion ist zwar nachvollziehbar, trotzdem zeigt sie sich als unfähig, eine solche Niederlage hinzunehmen und eine gewisse Schmerzresistenz zu entwickeln.

Vielleicht verfügt diese junge Frau über zu wenig Frustrationstoleranz. In der Regel entwickelt man sie durch eine einigermassen «normale» Erziehung. Erforderlich sind dafür Eltern, welche den Kindern nicht jedes Hindernis aus dem Weg räumen, ihre Bedürfnisse nicht sofort befriedigen und sie auch nicht dauernd loben.

Studien belegen, dass lange nicht alle Kinder so erzogen werden. Zu Recht spricht man von einer dünnhäutigen, manchmal gar von einer übersensiblen Generation. Doch wer wenig Frustrationstoleranz hat, ist meist nicht einfach übersensibel, sondern verweichlicht. Sensible Kinder wirken zurückhaltend, ängstlich und kontaktscheu. Obwohl sie ehrgeizig sind, trauen sie sich wenig zu, weshalb ihr Potenzial oft nicht sichtbar wird. Verweichlichte Kinder sind anders: Sie begehren bei jeder Herausforderung auf, legen wenig Eigeninitiative an den Tag, können kaum Unannehmlichkeiten auf sich nehmen und entwickeln eine Beanspruchungsmentalität, die sich manchmal noch im jungen Erwachsenenalter zeigt.

Die Schweizer Armee liefert hierzu Paradebeispiele. Im Herbst 2016 wurde der 60-Kilometer-Marsch für Offiziersanwärter dank der Aktion «Blick erfüllt Wünsche» zu einem unglaublichen Event. Nicht nur eine eigene Chilbi und eine Wellness-Oase warteten auf die Truppe, sondern auch die Eltern mit dem Lieblingsessen der Söhne. Allerdings sorgten nicht die Freudentränen der Mütter für Gesprächsstoff, sondern die Behauptung, unsere Soldaten würden immer mehr zu Muttersöhnchen. Dieser Meinung war auch Bundesrat Ueli Maurer, als er noch Militärminister war. Jenseits knapper Finanzen plagte ihn vor allem eine Sorge: Drei Telefonleitungen seien jeweils bei Beginn der Rekrutenschule notwendig, um die mütterlichen Anrufe entgegenzunehmen und die Offiziere darauf aufmerksam zu machen, dass Rekrut X gestern Halsweh hatte und deshalb heute keinen Sport draussen treiben dürfe oder Rekrut Y Liebeskummer habe und geschont werden müsse.

Solche Tendenzen zeigen sich auch an der Universität. An Erstsemestrigen-Tagen sind neuerdings nicht nur die Studierenden anwesend, sondern auch einige Eltern. Dies ist nicht nur in der Schweiz so, sondern auch in Österreich und Deutschland. Dabei sind es vor allem die Mütter, welche den Dozentinnen und Dozenten Fragen stellen und alles aufschreiben. Was geht wohl in diesen Jungstudenten vor, wenn sie passiv neben ihren aktiven Mamas sitzen? Noch vor wenigen Jahren hätten sie ihren Eltern wahrscheinlich verboten, überhaupt an die Universitäten mitzukommen.

Dieser Trend hat eine eigenartige Rückseite. Obwohl die Verschulungsmentalität an Hochschulen immer stärker kritisiert wird, schätzen sie gerade elternabhängige Studentinnen und Studenten ganz besonders. Sie fordern für Hausarbeiten exakte Vorschriften, bis hin zur Zeichenzahl, weil die Eltern (meist sind es die Väter) das Ganze kontrollieren wollen. Auffallend oft bleiben hingegen andere Sekundärtugenden auf der Strecke, die man eigentlich voraussetzen möchte: Pünktlich zur Vorlesung erscheinen, nicht unentschuldigt fehlen, Thesenpapiere am vereinbarten Termin der Seminarleitung zustellen, Hausarbeiten vor der Abgabe nochmals durchlesen sowie Rechtschreibe- und Grammatikfehler korrigieren.

Was junge Menschen vor Verweichlichung schützt, sind Frustrationstoleranz und Widerstandsfähigkeit. Diese für den Schul- und Berufserfolg wichtigen Kompetenzen werden in der Kindheit erworben, doch sind sie auch später noch trainierbar. Eine Voraussetzung sind Erwachsene, die Kinder und Jugendliche nicht wie zerbrechliche Porzellanpuppen behandeln. In der Praxis heisst dies, sie Fehler machen zu lassen, an einer Aufgabe dranzubleiben und von ihnen zu verlangen, die Folgen eines Verhaltens selbst auszubaden. Dadurch lernen sie, sich von Niederlagen nicht demotivieren zu lassen und nicht zu schnell aufzugeben.

*Margrit Stamm ist Professorin emerita für Pädagogische Psychologie und Erziehungswissenschaft an der Universität Fribourg.