Wochenkommentar

Vertrauen der Schweizer in die Medien steigt: Doch ein Danke reicht nicht

Das Vertrauen in die Medien steigt.

Das Vertrauen in die Medien steigt.

Diese Woche hat die ETH eine Studie veröffentlicht, die zeigt, dass das Vertrauen in die Medien zunimmt. Und doch besteht kein Grund zur Selbstgefälligkeit, schreibt Pascal Hollenstein, Leiter Publizistik von CH Media in seinem Wochenkommentar.

Abbau-Pläne, Fusionen und finstere Zukunftsprognosen prägen die Stimmungslage des Schweizer Journalismus. Die Zeitung, in der dieser Text erscheint, macht hier keine Ausnahme. Ökonomisch betrachtet, befindet sich der Journalismus in einer scharfen Krise. Nicht etwa, weil es an Nachfrage mangelte. Auch diese Zeitung erreicht gedruckt und online mehr Leser als je zuvor. Das Problem ist aber, dass Werbeeinnahmen zu Google, Facebook und Co. abfliessen. Und dass die Bereitschaft, für Journalismus zu bezahlen, im Internet-Zeitalter nicht mehr ohne weiteres gegeben ist. Manche prophezeien den etablierten Medienhäusern deshalb ein Schicksal, wie es einst die Postkutschenbetreiber erlitten haben: Die Leute reisten nicht etwa weniger, doch die Eisenbahn machte die Pferde und ihre Halter obsolet.

Spinnen wir den Vergleich weiter. Auch die Eisenbahn konnte sich erst durchsetzen, als die Menschen Vertrauen in dieses Transportmittel gefasst hatten. Das war zunächst nicht ausgemacht, gab es doch warnende Stimmen, eine schnellere Fortbewegung als mit einem Pferd sei aus medizinischer Sicht brandgefährlich.

Vertrauen ist in einem Markt also notwendig für den Erfolg. Das gilt bei Medien ungleich mehr als im Transportsektor. Denn Informationen, denen niemand vertraut, sind a priori wertlos.

Vor diesem Hintergrund reagierte die Medienbranche mit gutem Grund alarmiert, als Umfragedaten in den vergangenen Jahren eine Erosion des Vertrauens in den Medienbetrieb zu zeigen begannen. Die Erklärung war nur zu einem Teil darin zu finden, dass sich insbesondere jüngere Nachrichtenkonsumenten von den etablierten Medien ab- und den sozialen Medien zuwandten – wo sie ironischerweise die von den etablierten Medien erstellten Inhalte vorfinden. Er hatte auch mit Fehlleistung der Branche selber zu tun.

So agierten die traditionellen Medien im Vorfeld der Wahl von Donald Trump ideologisch verblendet. Von einem Kollektivversagen des deutschen Mediensystems wiederum muss man im Flücht- lingssommer sprechen. Es begann mit Realitätsverweigerung und ging über in eine hysterische Dämonisierung rechtspopulistischer Positionen. Die Medienkonsumenten reagierten irritiert und entzogenetablierten Medienmarken den Kredit.

Wie es scheint, ist diese Negativspirale nun aber zumindest vorläufig an ein Ende gekommen. Diese Woche hat die ETH eine Studie veröffentlicht, die zeigt, dass das Vertrauen in die Medien zunimmt und einen neuen Höchstwert seit Messbeginn erreicht hat. Zu ähnlichen Befunden kommt das Umfrageinstitut Gallup in seiner neuesten Befragung in den USA. Nachdem im Trump-Jahr 2016 nur 32 Prozent der Amerikaner angaben, den Massenmedien zu trauen, sind es nun wieder 41 Prozent. Und auch in Deutschland zeigt die Kurve laut einer Umfrage der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz wieder nach oben.

Das sind gute Nachrichten, und man möchte all jenen danken, welche – auch dieser Zeitung – tagtäglich ihr Vertrauen schenken. Wichtiger aber ist: Die Umfragen belegen, dass sich Lernfähigkeit auszahlt. Im Gefolge der Vertrauenskrise haben viele Medienhäuser Faktentreue und Unvoreingenommenheit gestärkt und mehr Energie darauf verwendet, ihre Arbeit zu erklären.

Bisweilen, wie etwa in der Mea-Culpa- Inszenierung des «Spiegels» nach der Affäre um gefälschte Texte ihres Autors Claas Relotius, geschieht das zwar mit einem schier unerträglichen Pathos. Doch dass Medien ihre eigene Fehlerhaftigkeit anerkennen und sich in wohlverstandener Demut um Besserung bemühen, ist ein Fortschritt. Dass das Publikum das auch honoriert, ist ermutigend.

Und doch besteht kein Grund zur Selbstgefälligkeit. Denn alle Studien zeigen auch, dass das Vertrauen der Jungen in die etablierten Medien deutlich geringer ist als jenes der über 60-Jährigen. Das Gleiche gilt für politisch zu rechten Positionen neigende Personen. Ein Journalismus aber, der nicht imstande ist, die Jungen von seiner Notwendigkeit zu überzeugen, befindet sich in der demografischen Falle. Und ein Journalismus, der das rechte Spektrum ungenügend erreicht, führt zu einer staatspolitisch heiklen Spaltung der politischen Öffentlichkeit.

Beiden Herausforderungen müssen sich die Medienhäuser stellen. Es ist dies eine Frage des Überlebens, denn die Zahlungsbereitschaft der Leserschaft entscheidet à la longue, welche Medien es noch geben wird. Dabei stehen mehr als ein paar Arbeitsplätze von Journalisten, oder, wie damals: ein paar Postkutschen auf dem Spiel. «Die Menschen bezahlen für Nachrichten – entweder mit Geld oder mit einem Stück Demokratie», heisst es in der ETH-Studie. Vertrauen ist entscheidend, dass es beim Geld bleibt.

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