Vor kurzem publizierte das Staatssekretariat für internationale Finanzfragen (SIF) seine neusten Kennzahlen zum Finanzplatz Schweiz. Bemerkenswert: Zum ersten Mal überhaupt tragen die Versicherungen praktisch gleich viel zum Bruttoinlandprodukt bei wie die Banken, nämlich knapp 30 Milliarden Franken pro Jahr (je etwa 5 Prozent). Noch vor zehn Jahren war der Beitrag der Versicherungen zur Wertschöpfung erst rund halb so gross wie jener der Banken. Wenn diese Entwicklung so weitergeht – und vieles deutet darauf hin – haben die Versicherungen schon bald eine grössere Bedeutung für die Schweizer Volkswirtschaft als die Banken. Die Schweiz entwickelt sich so immer stärker nicht nur zum Land der Banken, sondern auch zum Land der Versicherungen. Das ist eine gute Nachricht für unser Land – aus zwei Gründen.

Sie zeugen, erstens, von einer vitalen und selbstbewussten Volkswirtschaft, die aus eigener Kraft fähig ist, sich veränderten Bedingungen anzupassen und Chancen zu ergreifen, die sich ihr bieten. Die Versicherungen helfen mit, unsere Volkswirtschaft weiter zu differenzieren und so für die Zukunft widerstandsfähiger zu machen. Auch darum hat der Schweizer Finanzplatz zum Beispiel die Finanzkrise im internationalen Vergleich gut gemeistert. Die Versicherungen gehen langfristige Verpflichtungen ein und wirken sich so stabilisierend auf das ganze Finanzsystem aus. Verträge von mehreren Jahrzehnten Laufzeit sind für uns keine Seltenheit. Wir versprechen unseren Kunden, auch dann noch für sie da zu sein. Unser ältester aktiver Vertrag läuft seit 1918. Ein zweiter Grund, wieso die steigende Bedeutung der Versicherungen positiv für die Schweiz ist: Sie schaffen Sicherheit auch in unsicheren Zeiten. Versicherungen ermöglichen und ermutigen. Sie ermöglichen es Unternehmen und Individuen, Risiken einzugehen, ohne gleich die ganze berufliche oder private Existenz aufs Spiel setzen zu müssen. Sie ermutigen so zu Innovationen und zu Investitionen. Sie helfen mit, Kapital zu bilden, und finanzieren Unternehmen und Immobilien. Und sie sorgen nicht zuletzt dafür, dass Menschen im Ruhestand, gerade auch im hohen Alter, finanziell abgesichert sind.

Das ist im Kern unsere «raison d’être»: Versicherungen versuchen, das Unberechenbare berechenbar zu machen. Dafür sind sie da. Sie verwandeln mit statistischen Mitteln Gefahren und Unsicherheiten in Risiken, die sich bewerten und bewältigen lassen. So haben die Versicherungen über die letzten Jahrhunderte grundsätzlich verändert, wie wir als Gesellschaft Risiken betrachten. Früher war ein Risiko ja eher die Gefahr eines Verlustes. Heute können wir das Eingehen von Risiken vor allem auch als das Wahrnehmen von Chancen sehen.

Selbstbestimmung und Unabhängigkeit er möglichen 

Für mich ist das eine der wichtigsten Funktionen, die Versicherungen erfüllen können: Sie helfen, ein elementares menschliches Bedürfnis zu befriedigen. Sie ermöglichen ein selbstbestimmtes Leben und Arbeiten. Wenn man nämlich die Menschen fragt, was ihnen wirklich wichtig ist, dann setzen sie die Selbstbestimmung ganz oben auf die Liste. Die Swiss Life hat dazu jüngst eine repräsentative Umfrage in Auftrag gegeben. Befragt wurden 2492 Personen in der Schweiz, in Deutschland und in Frankreich. Durchgeführt wurde die Befragung vom Link Institut für Markt- und Sozialforschung. Die bisher unveröffentlichten Resultate zeigen, dass Unabhängigkeit höchste Relevanz in allen Lebensbereichen hat. Für neun von zehn Befragten (89 Prozent) ist die Selbstbestimmung ein fundamentaler Teil ihres Lebens. Sie wollen, einfach gesagt, ihr eigenes Leben selbst gestalten und frei entscheiden können. Interessant dabei: Über alle Generationen und Einkommensklassen hinweg besteht ein klarer Konsens über die hohe Wichtigkeit von Selbstbestimmung. Für Frauen ist die Autonomie generell sogar noch etwas bedeutender als für Männer. Am wichtigsten erachten es die Menschen, in der Freizeit (80 Prozent der Befragten), in ihrem sozialen Umfeld (78 Prozent), hinsichtlich ihrer Gesundheit (77 Prozent) sowie beim Wohnen (75 Prozent) und im Beruf (68 Prozent) selbstbestimmt handeln zu können. Etwas weniger relevant wird Selbstbestimmung im Bereich Politik gewertet (54 Prozent), dort also, wo es schwieriger ist, individuell Einfluss nehmen zu können.

Apropos Politik: Sie dürfte die Wachstumschancen der Versicherungen noch stärker unterstützen. Um beim Thema zu bleiben: Überregulierung hemmt die Selbstbestimmung. So stellt die Schweizerische Finanzmarktaufsicht immer noch wesentlich höhere Kapitalanforderungen insbesondere an die Lebensversicherer als unsere Nachbarn. Das führt zu Wettbewerbsverzerrungen. Wir dürfen nicht naiv sein: Es gibt einen globalen Kampf der Finanzplätze. Wir sollten die Zugkraft der Versicherungsbranche nicht bremsen, sondern die Chancen der Zeitenwende selbstbestimmt nutzen.

* Der Autor Patrick Frost ist seit 2014 CEO des Lebensversicherers Swiss Life. Der studierte Naturwissenschafter, Jurist und Ökonom hat kürzlich seine Karriere krankheitshalber unterbrochen, ist jedoch seit den Sommerferien wieder zurück auf seinem Posten.