Integrationsdebatte

Verkehrte Welt bei christlichen Werten

Leere Bänke: Jedes Jahr kehren Schweizerinnen und Schweizer der reformierten Kirche den Rücken. (Symbolbild)

Leere Bänke: Jedes Jahr kehren Schweizerinnen und Schweizer der reformierten Kirche den Rücken. (Symbolbild)

Christoph Weber-Berg, der Kirchenratspräsident der Reformierten, befürwortet die staatliche Anerkennung des Islam. Politische Akteure dagegen laden die Integrationsdebatte mit diffusen «christlichen Werten» auf.

Eigentlich müsste es unseren Landeskirchen so gut gehen wie lange nicht mehr. Schliesslich haben christliche Werte Konjunktur in der politischen Debatte um Islam, Migration und der Frage nach der eigenen kulturellen Identität. Doch die Realität sieht anders aus. Die Nachricht über erneuten Mitgliederschwund kommt jährlich so sicher wie das Amen in der Kirche. Vor allem die reformierte Kirche steckt im Dilemma. Denn ihr Alleinstellungsmerkmal bedeutet gleichzeitig ihr Problem: Die nüchterne, eher stille Glaubensvermittlung ist hartes Brot im Kampf um Aufmerksamkeit.

Ist es bedauerlich, wenn Landeskirchen schrumpfen? Aus liberaler Sicht kaum: Jeder darf glauben, wie ihm beliebt. Staatspolitisch gesehen aber gehören Landeskirchen zu jenen Institutionen, die man vermissen wird, sollte es sie einst nicht mehr geben. Im Gegensatz zu privaten Glaubensgruppen garantieren Volkskirchen mit öffentlich-rechtlicher Anerkennung ein Minimum an Transparenz und demokratischen Strukturen. Der Kirchenratspräsident der Reformierten Kirche Aargau begrüsst deshalb die staatliche Anerkennung islamischer Religionsgemeinschaften, so sie gewisse Auflagen erfüllen.

Es ist paradox: Ein Kirchenvertreter führt rational-staatspolitische Argumente ins Feld, während politische Akteure die Integrationsdebatte zunehmend mit diffusen «christlichen Werten» aufladen. Würden all jene, die nun mit dem Christentum gegen das Feindbild Islam antreten, die Landeskirche unterstützen, müsste diese bei Gottesdiensten zusätzliche Stühle bereitstellen.

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