Bevor wir vom Fussball sprechen, müssen wir kurz von der Kindheit reden.
Keine Bange, das wird keine Fussballfan-
Beschimpfung. In der Kindheit, wenigstens in der vor-digitalen Kindheit, spielten
wir häufig Bleigiessen. Für Digital-Nerds: Man erhitzt über einer Kerze im Löffel Blei, kippt es in kaltes Wasser und rätselt, was die erstarrte Form bedeutet (kann man übrigens inzwischen auch digital spielen – ein kurzer Selbstversuch ergab für uns einen Doppelring-Guss und die Prophezeiung: «Heirat oder Seitensprung»).

Damit sind wir zurück beim Fussball – dank
des Bleigiessens, versteht sich. Fussball erinnert stark daran. Wer schon mehr als sieben Fussball-Europa- und Weltmeisterschaften erlebt hat, dem dürfte mit der Zeit etwas Seltsames auffallen: Es sind nicht Siege, die überwintern im Gedächtnis. Von hundert Resultaten bleibt kaum eines haften. Es sind schon gar nicht jene Spiele, die mit Brimborium garniert werden,
also Halbfinale und Finale. Es halten sich nie ganze Spiele in Erinnerung, nur Phasen. Und darin bloss Momente. Keineswegs allein jene, die «matchentscheidend» genannt werden. Es sind Momente – auch mitten in einem Grottenkick – mit Ewigkeits-Charakter. Kristallisationen. Augenblicke eben, die im kalten Fluss der Zeit erstarren, als hätte jemand Blei gegossen.

Nennen wir ein paar Beispiele (jeder könnte
viele mehr anfügen, nie wird der Kanon der Bleiguss-Momente im Fussball ausdiskutiert sein): Streller, unser Storch in der Mutter aller Barragen, sein Gestürchel bis zur Ewigkeit des 2:3, das einen Imperator in die Hölle von Istanbul stürzte (Fatih Terim aber ist auferstanden und in Frankreich mit den Türken dabei). Die gestreckten Zündholzarme mit der anorektischen Faust von Gianni Rivera nach seinem 4:3 im Halbfinale gegen Deutschland 1970. Vergessen hingegen ist, dass Kaiser Franz in jenem «Jahrhundert-Match» (wenigstens für die Dauer der Verlängerung) eine Stunde lang mit gebrochenem Schultergelenk spielte. 2014 haben wenige Sekunden uns zwei Wörter eingebrannt: «Ritt» und «Krieger». Heute weiss jedes Kind, zu welchem Spieler die Attribute gehören: Valon Behrami.
In der Nachspielzeit gegen Ecuador wurde er vom «Papierli-» zum Schweizer der Herzen. Und bleibt da auch. Ein ganzes Land mokierte sich zuvor über Behramis Tigerschlendern auf dem Platz; Sekunden nur tauschten dies zu kollektiver Bewunderung. Was, neben Fussball, hätte sonst die Kraft zu solcher Massenverhexung? Auch Behrami selber kann jenen Moment nicht fassen, heute noch nicht, so präzise er sich auch daran erinnert: Etwas bediente sich seiner, um über und mit ihm sieben Sekunden in Blei zu giessen.

Fügen wir ein letztes Beispiel an: Fritz Künzlis Flugkopfball gegen Italien am 18. November 1967. Als Mischwesen von Katze und Schlange – so
lag Künzli in der Luft, um das Leder an Facchetti vorbei zu feuern, an den längsten Haxen des härtesten Verteidigers der Welt. Fritz, der Glarner, wurde unverrückbar wie der Glärnisch. Und sein Autogramm teuer. Schüler fälschten Künzlis Unterschrift, um sie Mitschülern zu ver-tschutten. Jahrzehnte später brachte ein solcher reuiger Sünder seine falsche Unterschrift zum echten Künzli, der sie nochmals unterzeichnete. Eigentlich ein Dokument fürs Landesmuseum.

Die Anekdoten, die jede Zeit vom Fussball hat, woran jede Generation neue beisteuern kann, zeigen es: Fussball dient als moderner Roman. Im Lauf der Zeit verdampft alles, eines bleibt: Die Notwendigkeit, sich über Inseln in der Zeit zu vergewissern. Geschichten auszutauschen, die unangreifbar sind von Zeit. Da im Land die Sagen versickert sind, und niemand mehr an die alten Kamellen und Legenden glaubt, sorgt der Fussball für Ersatz. Seine Geschichten strukturieren wie Euro- und WM-Kapitel alle zwei Jahre den wirren wüsten Stoff, aus dem sich für die Massen gewöhnlich der Alltag zusammensetzt.

Zentral sind nicht Sieg und Finale; das dient lediglich der Dramaturgie. Zentral ist, was im Lauf der Jahre von Europa- und Weltmeisterschaften bleibt: die Saga. Jedes menschliche Glück und Drama, jeder Triumph will Ewigkeit, und sei
jedes einzeln noch so klein. Künstlich lässt sich das nicht inszenieren. Gleichwohl wird es bei
jeder Euro wieder versucht, abgezockter als
zuvor. Kommerz wird dem Fussball den Garaus machen. Den Fussball verderben als Erzählung für alle – Frau, Mann, Kind und Kegel, alle diese bunten Meuten. So wie Hooligans auf Klub-Ebene den Fussball gründlich versaut haben.