«Das glaubt mir keiner», sagte der Grösste, als er aus der Ohnmacht erwachte. Damals hiess Muhammad Ali noch Cassius Clay. Warum der King hier zu Boden gegangen war, glaubt tatsächlich keiner.

Wir dürfen aber wohl Areatha Swint glauben, einem klugen hübschen High-School-Mädchen. Areatha erzählte, was geschehen war, dem Courier-Journal: «Cassius hatte schon seine Momente, wenn er sagte, ich sei das hübscheste Mädchen, das er je gesehen habe. Das Dumme war nur, so viele sah er gar nicht.» In der Tat: Cassius Clay lebte schon als Schüler ständig im Boxkeller. Er rauchte und trank nie. Nicht mal Limonade. Das Zeug, sagte er, sei «so tödlich wie Zigaretten». Stattdessen lief er mit einer Flasche Wasser mit Knoblauch herum – das halte den Blutdruck niedrig, sagte er. Cassius’ einzige Erfahrung mit Halluzinogenen war das Schnüffeln an Dämpfen aus einem Benzintank gewesen.

Eine lokale Berühmtheit aber war Clay bereits – wir reden vom Jahr 1957. Der Football-Trainer hatte an ihm Interesse. Clay aber sagte: «Beim Football kannst du dich verletzen.» Ständig tänzelte er schattenboxend durch die Flure oder vor dem Spiegel im WC, erklärte sich zum Grössten aller Zeiten – wohlgemerkt: mit fünfzehn. Trotz seiner Kraft legte er sich mit niemandem an; Clay war kein Streetfighter. Gab es Lümmeleien, schaltete der Schulrektor die Lautsprechanlage ein und sagte: «Wenn hier einer verrückt spielen will, schicke ich Cassius Clay vorbei!»

Obwohl der Kerl gut aussah – bei den Girls hatte es Clay nicht leicht. Darum konnte Areatha Swint auch leise spotten, als der Champ ihr Komplimente machte. Drei Wochen gingen sie aus miteinander. Dann bat der Boxer um einen Kuss. «Er wusste gar nicht», erzählte Areatha, «wie das geht. Ich musste es ihm zeigen. Als ich es tat, fiel Cassius Clay in Ohnmacht. Ich glaubte, er mache Spass, aber er schlug so hart auf.»

Als aus Clay später Muhammad Ali wurde, beschlossen die Leute um Alis religiösen Spiritus Rektor, ein Buch über den Boxer zu machen. Ihr Ghostwriter hiess Richard Durham. Kein Muslim, eher Marxist – egal: Der Kerl hatte das Einzige, was zählte, Schreibtalent. Durham bewies es unter anderem in dieser Szene: Ali, gerade triumphal zurück aus Rom, warf seine olympische Goldmedaille in den Ohio-River. Wie das? In einem Restaurant sei er als Schwarzer nicht bedient und von einer weissen Motorrad-Gang angepöbelt worden. Die Töff-Rassisten waren eine Mär. Die Goldmedaille hatte Ali nur verloren. Egal. Die «Nation of Islam» hatte das Boxen früher als «unwürdig» geschmäht, als Spektakel, bei dem weisse Nasen zusehen, wie sich Schwarze die Nasen brechen. Jetzt, da der berühmteste Boxer in ihren Reihen stand, musste ein überlebensgrosses Symbol geschaffen werden. Ali selbst ging auf Distanz: «Ich habe das Buch nicht gelesen», sagte er. Seine damalige Frau Sonji hatte ihm doch geraten, den Muslim-Brüdern fester entgegenzutreten: «You the champ, muthafucker!» – «Du bist doch der Champion, du ... naja, du Arsch!» Durham mit seinem Talent erkannte die Würze des Zitats und nahm es auf im Buch. Die Muslimbrüder strichen es wieder raus.

Doch es gibt einen glaubwürdigen Schöpfungsmythos. Cassius Clay, damals zwölf, streifte mit seinem neuen Schwinn-Fahrrad herum, das ihn satte sechzig Dollar gekostet hatte. Nach einem Bummel durch einen Basar aber war das Velo weg. Clay, den Tränen nahe, lief ins Souterrain eines Gebäudes. Jemand hatte ihm gesagt, dort sei ein Polizist: Joe Martin, genannt «Sergeant». Die Sergeant-Prüfung hatte Joe nie gemacht – egal: Er trainierte Nachwuchsboxer und blieb immer cool. Auch jetzt, da dieser Junge verlangte, landesweit eine Fahndung einzuleiten nach dem Dieb seines Schwinn-Fahrrads, damit er ihn windelweich prügeln konnte. Joe sah auf Anhieb, dass Clay «einen linken Haken nicht unterscheiden konnte von einem Tritt in den Hintern». Aber er ging daran, das zu ändern. Clay lernte rasch, boxte jedoch in einem Stil, der Puristen zum Wahnsinn trieb. Egal – Joe wusste: Da reifte ein Jahrhundert-Typ heran.

Diese Ausschnitte aus Muhammad Alis Leben verdanken wir David Remnick und seinem Buch «King of the World», (erschienen im Berlin Verlag auch auf Deutsch). Schlicht und ergreifend das beste Boxerbuch, das es gibt. Und ein Beispiel dafür, wie sich Sporterzählung nahtlos einreihen kann in die grosse amerikanische Literatur.