Sage einer, die parlamentarische Demokratie sei langweilig und altmodisch: In einer emotionalen Achterbahnfahrt und einem rasanten Finish war Österreich schon in den Tiefen des Rechtspopulismus angelangt. Und plötzlich scheint alles anders. Ein roter Kanzler, ein grüner Präsident: Für Österreich, wo es noch nie Rot-Grün gab, ist das eine Sensation.

Ausdruck der Stimmung im Land ist die Wahl eines grünen Präsidenten gewiss nicht. Aber sie kann die Stimmung umkehren. Österreich ist verunsichert, seit langem chronisch schlecht gelaunt. Aber Österreich ist nicht so rechts, nicht einmal so konservativ, wie das benachbarte Ausland es sich gerne einredet. Alexander Van der Bellen ist ein Österreicher durch und durch. Mit seiner Gelassenheit, seiner Selbstironie, seiner Toleranz und seiner Widerständigkeit gegen die Zumutungen von Konformismus und Spiessertum verkörpert der 72-Jährige eine sympathische Seite Österreichs. Man müsste sich nicht wundern, wenn der Grüne ein sehr populäres Staatsoberhaupt würde.

Rot-grün ist Österreich deshalb noch lange nicht. Das Ergebnis steht gegen einen langen Trend und ist nur als eine Art letztes Aufgebot zustande gekommen. Van der Bellen gewählt haben nicht nur rote und grüne, sondern auch alle liberalen und sehr viele konservative Parteigänger. Es galt, den Rechtspopulisten zu verhindern. Das ist gelungen, aber um einen hohen Preis. Die Kurve der «blauen» FPÖ ist – mit einer einzigen Delle – seit Mitte der 1980er Jahre nur nach oben gegangen. Rechnet man die Ergebnisse hoch, wird der Machtwechsel nicht mehr lange auf sich warten lassen. Der Konflikt mit den «Blauen» muss auf einer anderen Ebene geführt werden. Es genügt nicht, sie nicht mitregieren zu lassen. Man muss auch klar sagen, warum. Hier liegt die Chance und womöglich die Stärke des neuen Bundespräsidenten: Er kann einen anderen Ton anschlagen – einen klareren, präziseren, ehrlicheren.