Die Schweizer Eishockey-Nationalmannschaft steht im WM-Viertelfinal. Dieser Fakt an sich ist – die jüngere Historie berücksichtigend – nicht unbedingt bemerkenswert. Schliesslich standen die Schweizer Auswahlen seit 1998 insgesamt neunmal in der Runde der letzten acht Teams – also jedes zweite Jahr.

Bemerkenswert am Jahrgang 2017 ist indes der Umstand, dass man dieser Equipe vor dem Turnier einen derartigen Exploit kaum zugetraut hätte. Die Absagen waren zahlreich. Aus der NHL stiess mit Denis Malgin nur ein junger, unerfahrener Spieler zur Mannschaft, nicht aber die Stars wie Roman Josi (noch in den Playoffs beschäftigt) oder Nino Niederreiter (in Vertragsverhandlungen).

Nun hat diese – etwas böse ausgedrückt – Schweizer B-Auswahl es in Paris allen Skeptikern und Kritikern gezeigt. Man blieb in der Vorrunde als einziges Team neben Weltmeister Kanada nach der regulären Spielzeit ungeschlagen und besiegte dabei nicht nur die Kanadier, sondern auch noch die höher eingestuften Tschechen. Und hat dabei Tugenden an den Tag gelegt, die so gar nicht typisch schweizerisch sind.

Als Nationaltrainer Patrick Fischer vor der WM in einem Interview mit dem «Tages-Anzeiger» davon sprach, dass die Schweiz schon rein aufgrund der mathematischen Wahrscheinlichkeit bald einmal Weltmeister werden müsste, da wurde er von vielen Seiten belächelt. Zur Erinnerung: Den Titel holte unser Land in der mittlerweile 86-jährigen WM-Geschichte noch nie. Acht Medaillen stehen in der Bilanz, darunter zwei silberne Auszeichnungen. Die letzte davon holten wir vor vier Jahren in Stockholm.

Ralph Krueger und die Reduit-Mentalität

War es also so vermessen von Fischer, diesen Traum vom Gewinn des WM-Titels derart explizit zu äussern? Der Schweizer Reflex in uns sorgt dafür, dass wir uns gerne kleiner machen, als wir sind. Mutige, laute, provozierende Parolen sind nicht unser Ding. Lieber mal ein Ziel etwas vorsichtiger und defensiver formulieren und sich dafür nicht rechtfertigen müssen, wenn man die geweckten, hohen Erwartungen nicht erfüllt. Unter diesem Motto haben auch die Schweizer Eishockey-Nationalteams lange Zeit agiert.

Unter Ralph Krueger zogen sie sich gerne ins Reduit zurück. «Hinten dichthalten und vorne hilft der liebe Gott», war das Motto. Das sorgte zwar für eine grosse Leistungsstabilität – alleine in der Ära Krueger (1998 bis 2009) standen die Schweizer siebenmal in der Runde der letzten acht Teams – aber für einen Exploit fehlte immer die nötige Portion Mut. Man schaffte es in den entscheidenden Spielen nie, sich aus diesem Reduit herauszuwagen. Das Viertelfinal war das Mass aller Dinge. Wenn man es erreicht hatte, war man mit sich und der Welt eigentlich schon zufrieden.

Nicht so die Schweizer, die hier in Paris am Werk sind. Auch sie könnten sich jetzt zurücklehnen und davon sprechen, welch tolle Leistungen man gezeigt habe und dass alles, was jetzt noch kommt, eine Zugabe sei. Doch diese untypischen Eisgenossen wollen mehr. Patrick Fischer spricht davon, dass die Reise noch lange nicht zu Ende sei und man unbedingt am Freitag nach Köln reisen möchte, wo am Wochenende die Halbfinal- und Finalspiele ausgetragen werden.

Und auch die Spieler tragen die Zuversicht ihres Trainers mit. Egal, ob der Viertelfinal-Gegner Schweden mit einer Startruppe auftritt, gegen die man auf dem Papier eigentlich gar keine Chance hat. Diese Mannschaft ist mittlerweile mental derart in sich gefestigt, dass ihr Selbstvertrauen enorm gross ist. Es spielt eigentlich nicht mal mehr eine Rolle, welche Spieler letztlich zum Einsatz kommen. In diesem Kollektiv fühlt sich jeder wohl.

Man sollte die Schweizer keinesfalls vorzeitig abschreiben

Der Realist in uns mahnt: Gut möglich, dass die Schweizer heute Abend in Paris von diesen Schweden vom Eis gefegt werden. Dass diese Ansammlung von unerschütterlichen Optimisten an ihre Grenzen stösst. Dieses Risiko ist immer da.

Aber wenn wir in den letzten Tagen etwas gelernt haben, dann ist es die Tatsache, dass man dieses Schweizer Team auf keinen Fall vorzeitig abschreiben sollte. Vielmehr sollten wir uns eine grosse Scheibe von dieser positiven Denkweise abschneiden. Wie heisst es doch so schön: Wer nichts wagt, der gewinnt nichts. Es wäre doch schön, wenn die wagemutigen Schweizer weiter gewinnen würden.