Lehrer

Unterricht statt Sitzungen, bitte!

Schüler in einem Gymnasium (Symbolbild)

Schüler in einem Gymnasium (Symbolbild)

«Lehrer sind entgegen der Volksmeinung nicht faul, sie möchten aber unterrichten und nicht Hornhaut an ihrem Sitzteil wachsen lassen»: Der Gastkommentar von Jürg Keller zum Unbehagen der Lehrer am Gymnasium.

Nun klagen auch die Gymnasiallehrer über unbefriedigende Arbeitsbedingungen. Sogar die «NZZ» hat diese Missstände thematisiert. Dabei geht es im Kern immer um das Gleiche: Gegenstand der Unzufriedenheit ist nicht die eigentliche Lehrtätigkeit, sondern das Krebsgeschwür von zeitraubenden Sitzungen, Besprechungen und unnötigen Anlässen.

Ein persönliches Beispiel mag illustrieren, was damit gemeint ist: Ich musste wegen einer dringenden Arthroskopie einmal drei Tage zu Hause bleiben: In dieser Zeit fielen 11 meiner Lektionen aus und gezählte 13 Sitzungsstunden. Man darf hier summarisch urteilen: Solange dieser Unsinn nicht unterbunden wird, wird der Lehrerberuf nicht attraktiver: Lehrer sind entgegen der Volksmeinung nicht faul, sie möchten aber unterrichten und nicht Hornhaut an ihrem Sitzteil wachsen lassen.

Vom Unterrichten keine Ahnung

Die Quellen der nebenunterrichtlichen Belastungen («Belästigungen» wäre oft richtiger) sind vielfältig, sie sind aber meist durch einen zwanghaften Aktivismus bedingt. Die Schule wird viel zu oft und ziellos reformiert. Ich habe erlebt, wie in einem vierstufigen Gymnasium gleichzeitig drei Reformwellen durchgezogen werden mussten. Diese Reformen werden in der Regel von Leuten angestossen, die vom Unterrichten kaum eine Ahnung haben, und folglich auch die Konsequenzen ihrer Vorhaben nicht abschätzen können.

Auch hier eine persönliche Erfahrung: Es gelang mir einmal, einen Verfechter der Ansicht, Lehrer seien faul, zur Erteilung von vier Morgenlektionen zu verführen: Er wurde am Nachmittag nicht mehr gesehen, weil er seine Erschöpfung ausschlief.

Die Schule muss sich immer um Anschluss an die Moderne bemühen und sündigt dabei zugegebenerweise auch: Den dummen Widerstand von Gymnasiallehrern gegen den kommenden Computer werde ich nie verzeihen. Aber meistens sind die «Reformen» nur Moden, die mit grosser Aufregung kommen und dann wieder einschlafen. Irgendeinmal galt eine solche Welle den sogenannten «Erweiterten Lernformen». Diese erwiesen sich bei genauem Hinsehen bloss als Ladenhüter aus dem frühen 20. Jahrhundert. Es war trotzdem mühsam, die Erregung für diese alten Neuigkeiten zu dämpfen.

Der Mensch ist mindestens seit 50 000 Jahren unverändert auf der Erde und lernt folglich immer noch etwa so, wie er schon immer lernte. Die Pädagogik scheint aber vom Glaubenssatz zu leben, dass dieser alte Mensch alle zehn Jahre neu erfunden werden müsse, folglich mit neuen LernMethoden auch neu gemacht und in Trab versetzt werden sollte.

Die ETH Zürich könnte hier eigentlich Vorbild sein: Sie hat einen Ordner mit 17 Lehrmethoden zusammengestellt, wovon etwa 5 ein schlechtes Aufwand-Ergebnis-Verhältnis haben. Den zukünftigen Lehrern wurde empfohlen, aus dem Rest 6 passende Lehrmethoden zu übernehmen und anzuwenden.

Basler und Zürcher Praxis

Dieses Rezept gefällt natürlich den Lehrerseminarien nicht (heute: «Fachhochschulen»). Ihre Bedeutung wächst mit der Studiendauer. Und diese wächst mit der Verkomplizierung einfacher Verhältnisse. Ich bin nach Zürcher Art auf den Beruf vorbereitet worden, und diese war kurz, praxisorientiert und studienbegleitend. Basel machte es ungefähr umgekehrt. Ich konnte vergleichen: Der Unterschied lag lediglich bei den Kosten.

Die Zürcher waren nüchterner, die Basler seminaristischer, aber unterrichten konnte man mit beiden Systemen gleich gut oder schlecht. Ein Beispiel, das nur ein Basler, aber nie ein Zürcher hätte vorführen können, werde ich nie vergessen: Bei einer Probelektion musste die phänomenale Brutusrede von Shakespeare behandelt werden. Die Kandidatin wählte dazu eine für Basel typische Einstimmung: Sie liess eine Figur aus der «Muppet-Show» quaken. Für Zürcher war dies eher peinlich, Basler aber neigten zum Lob. Man muss aber zugeben: Um zu einer solchen Künstlichkeit zu gelangen, braucht es eine lange Trainingszeit.

Kosten und Nutzen abwägen

Man sollte den ganzen Nebenbetrieb des Unterrichtens dringend auf Kosten und Nutzen prüfen und dabei auch den Schäden unbefangen ins Gesicht sehen: Zum Beispiel halten lange Seminarzeiten viele begabte Kandidaten vom Beruf ab, weil sie deren Ineffizienz durchschauen und ihre Zeit nutzbringender verwenden möchten (der Effekt kann von der akademischen Berufsberatung bestätigt werden).

In Zeiten des Sparens wäre eine Effizienzprüfung eigentlich angezeigt: Man käme dann auch beim teuren Weiterbildungskomplex auf unerwartete Einsichten: Lehrer können nämlich lesen und sind es gewohnt, ganz allein zu lernen – brauchen also nicht unbedingt einen eingeflogenen Redner.

Die einfache Zusammenfassung: Man lasse Lehrer wieder hauptamtlich unterrichten!

*Jürg Keller lebt in Rheinfelden und war Lehrer am Gymnasium Muttenz.

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