Sprachriff

Unsere Vorurteile sind Begriffsleichen

Franz W. ist jetzt der Kettensägen-Mann.

Franz W. ist jetzt der Kettensägen-Mann.

Franz W. ist jetzt der «Kettensägen-Mann». Der 51-Jährige, der in Schaffhausen eine CSS-Filiale mit der Kettensäge heimsuchte, wird dieses Prädikat so schnell nicht mehr loswerden. Mediale Festschreibungen sind wie eiserne Fesseln. Was einmal sprachlich ins kollektive Gedächtnis gebrannt ist, lässt sich nicht mehr entfernen. W. wird, wenn man sich denn an ihn erinnert, immer der «Kettensägen-Mann» bleiben.

Die Fähigkeit der Sprache, Sachverhalte auf den Begriff zu bringen, wird dem Leben selten gerecht. Denn während sich das Leben ständig verändert und fliesst, ist ein Begriff etwas Starres. Er schreibt fest, was sich nicht festschreiben lässt. Unsere Erinnerung ist voll von solchen Begriffsleichen, deren Bedeutung längst überholt ist. Sie machen das Arsenal unserer Vorurteile aus.

Die eingängige Beschreibung und die griffige Schlagzeile legen oft auf Jahre hinaus fest, wie jemand in unserer Erinnerung bleibt. «Amok-Rentner», «Koks-Pfarrer», «Grüsel-Geri»: Wer medial gebrandmarkt ist, muss damit leben. Die Chancen auf Rehabilitation sind gering. Für die Festplatte des kollektiven Gedächtnisses gibt es kein Virenprogramm. Bei Franz W. wird das nicht anders sein. Er ist jetzt der «Kettensägen-Mann».

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