Ein Grosskritiker liess sich eines Tages dazu herab, die Freundschaftsanfrage eines namenlosen Dichters namens Lester auf Facebook zu akzeptieren. Lester war ausser sich vor Freude. Endlich rückte er als Dichter in den äussersten Wahrnehmungskreis eines Grosskritikers.

In wenigen Stunden verfasste Lester einen Essay zum Thema: «Eros und Thanatos – auf ewig Motive der Lyrik». Als wäre sein Auge ein Bunsenbrenner, zerlegte er jedes Wort in seine Spektralfarben, ehe er den Text abschickte an ein Literaturmagazin. Dessen Online-Link postete er dann auf Facebook, einzig dazu bestimmt, in den müden Blick des Grosskritikers zu geraten. Der musste zuweilen durchs Netz fischen, um namenlose Genies zu entdecken.

Und der Kritiker reagierte tatsächlich: «Wie kann einer immer noch von ’verstorben’ reden! Es wird ’gestorben’ – basta!» Lester war entgeistert. War ihm dieser grauenhafte Bock tatsächlich unterlaufen? Natürlich schreibt man deutsch und deutlich: «gestorben». Das umwickelt man nicht mit einem Dufttüchlein, murmelt den Tod nicht bloss in den Bart. Im Originaltext hatte Lester indes «gestorben» geschrieben. Erst das Online-Magazin verschmierte das zu «verstorben». Lester war unschuldig – und für den Grosskritiker trotzdem mit einer Silbe auf ewig ver ... verdammt: gestorben.