Die direkte Demokratie kann anstrengend sein. Das merken wir in diesen Tagen, wenn es um die Vollgeldinitiative geht. Sie zwingt uns, über unser Geldsystem nachzudenken. Und sie legt unser Unwissen schonungslos offen. Vieles dreht sich in unserem Leben zwar um das Geld.

Doch was Geld genau ist, woher es kommt: Auf diese Fragen wissen die wenigsten eine passende Antwort. Die Vollgeldinitiative will, dass nur noch die Schweizerische Nationalbank Geld schöpft – wie beim Bargeld. Der laue Abstimmungskampf zeigt aber eben auch: Für die Leute ist es weit zentraler, dass die Währung stabil ist.

Wer es schöpft – Privatbanken oder Nationalbank –, ist sekundär. Ansonsten würden wir schon heute alle viel mehr Bargeld, sprich Vollgeld, unter unseren Kopfkissen horten. Doch wir vertrauen eben darauf, dass unser Geld auf dem Lohnkonto genauso sicher ist. Sprich, dass wir darüber verfügen können, wenn wir wollen.

Womit die Initianten recht haben

Ist dieses Vertrauen gerechtfertigt? Nein, würden die Initianten antworten. Sie versprechen uns, dass bei einer Annahme der Initiative auch unser elektronisches Geld auf dem Bankkonto sicherer wird. Sie haben recht. Unsere Zahlungskonten würden in einem Vollgeldsystem aus den Bankbilanzen ausgegliedert und von den Geldhäusern nur noch treuhänderisch verwaltet.

Dafür gäbe es zwar keinen Zins, dafür wären unsere Sichteinlagen (nicht aber die Spargelder) in einer Krise besser geschützt. Ein Bankrun, also der Fall, dass alle Bankkunden auf einen Schlag ihr Geld abheben möchten, kann in einem Vollgeldsystem ausgeschlossen werden. Denn es würde wie eine Schutzmauer um unsere Zahlungskonten gezogen.

Kein unerprobtes Geldsystem

Rechtfertigt dieser bessere Schutz die Einführung eines unerprobten Geldsystems? Mitnichten. Zum einen, weil es schon heute Mittel gibt, um Bankruns zu verhindern: der Einlegerschutz bis 100'000 Franken und Liquiditätshilfen durch die Nationalbank. Zum andern sind Bankruns nicht das Problem unserer Zeit.

Ursprünglich sind die Initianten angetreten, um unser Finanzsystem krisenresistenter zu machen. Die Vollgeld-Initiative entstand im Nachgang zur Finanzkrise 2008, die in der Schweiz mit der staatlichen Rettung der UBS endete. Doch Krisen an Finanz- oder Immobilienmärkten würde es auch mit einem Vollgeldsystem geben. Sie sind das Resultat von Gier, zu hohen Erwartungen und falschen Risikoeinschätzungen.

Dass Vollgeld Krisen nicht verhindern kann, haben inzwischen auch die Initianten gemerkt. Peter Ulrich, emeritierter Professor für Wirtschaftsethik und im wissenschaftlichen Beirat der Initiative, sagte in der «NZZ»: «Es geht uns nicht darum, die Ursachen künftiger Krisen, die niemand voraussagen kann, zu beseitigen. Wir zielen auf die praktischen Folgen für das Geldvermögen der Kunden auf Zahlungskonten.»

Die Initianten stören sich daran, dass Banken Geld durch die Kreditvergabe schaffen, dass Geld «aus dem Nichts» entsteht. Sie unterschlagen, dass Banken nicht unbegrenzt Geld schöpfen können. Sie müssen ein Minimum an Eigenkapital, Liquidität und Reserven bei der Nationalbank aufweisen. Zudem kann die Nationalbank die Kreditvergabe über eine Erhöhung der Leitzinsen drosseln. Einen Einfluss auf die Kreditvergabe hat zudem die Konjunktur.

Und Banken stehen schliesslich im Wettbewerb, müssen rentabel sein und können nicht jedes Projekt finanzieren. Nationalbankpräsident Thomas Jordan formulierte die Kritik am Narrativ der Initianten im «Tages Anzeiger» salopper: «Wenn Banken mit selber geschaffenem Geld Kredite finanzieren oder Aktiven kaufen könnten, dann würden doch auch Sie und ich sofort eine Bank gründen. Jeder würde Bankier spielen wollen und dann in Saus und Braus leben.»

Finanzsystem ist nicht perfekt

Nebst dem sicheren Geld ist der zweite Kernpunkt der Initiative, dass die Nationalbank das Geld schuldfrei schaffen soll. Sprich, das Geld soll an Bund, Kantone oder Bürger verteilt und so in Umlauf gebracht werden. Die Probleme dabei: Erstens besteht die Gefahr, dass dadurch die Politik Begehrlichkeiten entwickeln könnte und die Unabhängigkeit der Nationalbank leidet. Zweitens stellt sich die Frage, wie die Nationalbank die Geldmenge reduzieren würde, wenn eine Inflation droht.

Das Finanzsystem ist nicht perfekt. Höhere Anforderungen an das Eigenkapital und die Liquidität der Banken sind aber mit Sicherheit der bessere Weg, um es zu verbessern. Das Vollgeldsystem existiert nur in der Theorie. Es gibt keinen Anschauungsunterricht. Auch deshalb war dieser Abstimmungskampf so anstrengend.