Es wird heute, im digitalen Zeitalter, immer weniger gelesen. So ein beliebter Gemeinplatz von Publizisten, Buchhändlern, Bildungsexperten, Lehrern und besorgten Eltern. Aber stimmt er auch? Nur teilweise, wie neueste Untersuchungen zeigen. Zwar hat die Zahl der Buchkäufer in den letzten Jahren deutlich abgenommen: Fast jeder Fünfte, der früher Bücher gekauft hat, tut dies heute nicht mehr.

Zwar lässt die digitale Dauerbeschäftigung für viele keine Zeit mehr zum Lesen, denn es fällt immer schwerer, sich auf eine Sache zu konzentrieren, weil man beim Lesen nicht gleichzeitig aufs Handy blicken kann. Zwar sind gemäss der Pisa-Studie 2015 bereits ein Fünftel aller 15-Jährigen nicht mehr fähig, sinnerfassend zu lesen.

Zwar ist gerade im Bereich der Belletristik die Konkurrenz durch andere Medien stark, sodass viele zu anderen Unterhaltungsangeboten, beispielsweise zu Fernsehserien, greifen. Trotzdem gibt es Teile unserer Bevölkerung, in denen überdurchschnittlich viel gelesen wird. Jugendliche lesen z. T. recht viel, besonders wenn sie in Fantasywelten abtauchen können, in denen es um die grossen Fragen, um Gut und Böse, Leben und Tod, Liebe und Leidenschaft geht.

Frauen lesen, vor allem Belletristik, wesentlich mehr als Männer, Akademiker mehr als Leute mit einer Volksschulbildung. Ähnliches gilt für Kinder aus bildungsnahen Elternhäusern, in denen öfter oder gar regelmässig vorgelesen wird und für die das Leben nicht auf dem Bildschirm stattfindet.

Wie dem im Einzelnen auch sei: Selbst wenn viele, nicht nur Heranwachsende, lieber am Smartphone hängen, als sich in ein Buch zu vertiefen und jeder Vierte niemals ein Buch liest – gelesen wird in unserer Bevölkerung immer noch, und das oftmals sogar mit Leidenschaft. Denn das Lesen ist zweifellos ein archaisches Vergnügen und somit tief in uns Menschen verwurzelt.

Die Evolutionsbiologen vermuten seinen Ursprung im Verfolgen der Tierfährten in der Natur, aus dem sich ein allmähliches Entziffern von Schriftzeichen entwickelte, denen man Bedeutungen zugeordnet hat. Jäger und Naturforscher lesen bekanntlich heute noch die Wildfährten im Wald.

Und vergessen wir eines nicht: Bis ins 18. Jahrhundert hinein war die Lesefähigkeit ein Privileg weniger, sodass ein Hartmann von Aue um 1200 gleich zu Beginn seines Epos «Der arme Heinrich» nicht ohne Stolz betont, dass er «sô gelêret was, daz er an den buochen las», d. h., dass er fähig sei, in Büchern zu lesen.

Aber Lesen ist noch weit mehr: Es bedeutet zunächst einmal Entschleunigung, innezuhalten, ja der Zeit ein Stück weit entrückt zu sein. Wer liest, der erliegt gleichsam der Magie der geschriebenen Welten, indem er sich für einen Augenblick aus dem Korsett der bürgerlichen Vorschriften befreien kann. Ganz schwerelos, nur in der Fantasie, kann er sich vorstellen, was Konvention und gesellschaftliche Tabus ihm sonst verbieten.

Lesend kann er die eigene Identität überdenken, sein Dasein in der Welt mit fremden Erfahrungen vergleichen und mit geträumten Bildern in Parallelwelten abtauchen. «Du öffnest ein Buch, und das Buch öffnet dich.»: Dieser Schlüsselsatz definiert die existenzielle Bedeutung des Lesens und der Literatur.

Bücher erlauben durch die Kraft der Fantasie die instinktive Behebung der Mangellage, in der wir uns im «Hier und Jetzt» befinden. Sie liefern gewissermassen den Schlüssel zu unserer privaten und gesellschaftlichen Identität und zeigen vor allem auf, was das Leben ausserhalb unseres beschränkten Bewegungsspielraums auch noch sein könnte. Nicht zuletzt haben Bücher den Anspruch, unsere Welt ein wenig verständlicher zu machen.

Also lesen wir, weil Lesen bildet. Auch das ein Gemeinplatz, aber einer, der im digitalen Zeitalter aktueller denn je ist. Denn nie zuvor hat man die komplexe Schönheit des Lesevorgangs und die Vielfalt der damit verbundenen Leistungen so gut durchschaut wie heute und noch nie lief das Lesen als eine elementare Kulturtechnik so sehr Gefahr, von anderen Kommunikationsformen ersetzt zu werden.