Eine etwas befremdliche Debatte hat in den letzten Wochen unser Land überzogen. Losgetreten hat sie Ende August die «NZZ» mit dem Alarmruf «Links-grüne Ideologien unterwandern die Schule». Auf der Anklagebank: das Geschichtslehrbuch «Gesellschaften im Wandel» für die Sekundarstufe I, erschienen 2017 im Zürcher Lehrmittelverlag, bereits in mehreren Kantonen im Einsatz oder bestellt.

Als bildungspolitisch interessierter Mensch und als Grossvater eines künftigen Volksschülers war ich natürlich gleich mit-alarmiert. Schliesslich war ich im Geschichtsunterricht vor über 50 Jahren selber Opfer ideologisch gefärbter Lehrmittel – damals allerdings nicht in links-grüner Tarnfarbe, sondern triefend von Schweizer Heldenverehrung und geistiger Landesverteidigung. Ich habe mich also in das inkriminierte Werk etwas eingelesen. Und habe mich ziemlich gewundert.

Gezielte Suche nach Linkem

Zwar stiess ich tatsächlich auf ein paar Stellen, bei welchen das Autorenteam die von Historikern und Geschichtsdidaktikern einzuhaltende Neutralität der Betrachtungsweise ritzt. So spürt man etwa ihre Sympathie für Menschenrechtsorganisationen und Hilfswerke. Oder ihre Antipathie gegen die Lohnungleichheit von Mann und Frau. Ja, wer solche Stellen sucht, der findet sie.

Aber bitte: «Gesellschaften im Wandel» ist ein Füllhorn von Informationen, es behandelt Hunderte von Jahren, besteht aus Hunderten von Seiten und Sites, aus zwei gedruckten Bänden, einer Webplattform, einer Quellensammlung, einem Lehrer-Handbuch. Wer einem solch neuen Lehrmittel gerecht werden will, muss eigentlich alles lesen (das habe ich auch nicht geschafft). Wer darin gezielt ideologische Verzerrungen zur Anklage bringt, trägt vermutlich selber eine ideologisch gefärbte Brille, einfach eine der anderen Art.

Gewundert habe ich mich zunächst über die «NZZ». Sie, die für sich in Anspruch nimmt, die intellektuelle Debatte in diesem Land anzuführen und in ihrer Gänze auszuleuchten, gefällt sich hier in der Rolle des Linken-Jägers und wird dem Lehrmittel als Ganzem nicht im Entferntesten gerecht.

Erwartet hätte man eher eine Auseinandersetzung mit der neuen multimedialen Machart, mit der neuen Didaktik. Ist es gelungen, ein Lehrmittel zu kreieren, das sich für alle Oberstufenzüge eignet? Ist die Stoffauswahl für einen zeitlich dezimierten Geschichtsunterricht geglückt? Aber nein. Stattdessen gezielte Suche nach «links-grüner Unterwanderung».

Gewundert habe ich mich sodann, wie viele vorab rechtsbürgerliche Politiker aufgrund des «NZZ»-Artikels sofort gewusst haben: Hier geschieht Haarsträubendes! Unbeleckt von Inhalten und Detail-Kenntnissen riefen sie: «Wir haben es ja immer gewusst!» Ein bisschen mehr intellektuelle Redlichkeit würde nicht nur der NZZ, sondern auch der öffentlichen Debatte über ein neues Lehrmittel wahrlich guttun.

Der allseits bemühte Zeitgeist

Interessanterweise stiess ich beim Aufarbeiten der Debatte und der Leserkommentare zweimal auf den Allzweck-Begriff «Zeitgeist», einmal im positiven und einmal im negativen Sinn. Ein Lehrer aus dem Umfeld der Autoren meinte: «Ja, ein neues Geschichtslehrbuch muss den Zeitgeist aufnehmen, schliesslich heisst es ’Gesellschaften im Wandel’. Wir sind keine geschlossene Gesellschaft mehr, sondern eine offene, pluralistische, zur Solidarität verpflichtete».

Die andere Reaktion kam von einem rechtsbürgerlichen Politiker: «So kommt es heraus, wenn man einseitig dem links-grünen Zeitgeist frönt. Mir scheint, die ganze Lehrerschaft ist heute diesem Gutmenschen-Geist der offenen Grenzen und der Gleichmacherei verfallen.»

Mir scheint indes, der Zeitgeist wehe heute aus einer anderen Richtung. Die Zeit, welche Kommunismus und Faschismus überwand, welche Grenzen öffnete und Handelshemmnisse beseitigte, welche Diskriminierungen aller Art bekämpfte und eine weltweite Anerkennung der Menschenrechte postulierte – diese Zeit scheint heute ziemlich von gestern.

Auf dem Vormarsch befinden sich: Wiederbelebung von Nationalismus und Protektionismus, Wiedereinführung von Mauern und Grenzzäunen, Beschneidung von demokratischen Rechten (auch in Europa), Betonung der Rechte des Stärkeren. So gesehen, liegt «Gesellschaften im Wandel» – zumindest jener Teil, welcher die Gegenwart beleuchtet – tatsächlich nicht ganz im Zeitgeist.

Die Schlacht um den angeblich gesellschaftszersetzenden Lehrplan 21 scheint überwunden. Nun verlegt sich der Kampfplatz auf die Lehrmittel.