Der Mann war komplett verladen, als er in Bern in mein Zugabteil trampelte. Er liess sich in den Sitz fallen, die Fahrt ging los. Draussen öde Mittelland-Herbstszenen, drinnen bald schon leises Schnarchen von meinem Abteilsnachbarn. Kurz vor Olten riss er die Augen auf und rief: «Nichts stimmt!» Dann wieder Schnarchen. Olten zog vorbei und ich dachte nach. Was ist wohl nichts? Und wieso stimmt es nicht?

Hat nicht der Philosoph Michel Foucault einst gesagt, alles sei letztlich konstruiert, jede Wahrheit bloss Verhandlungsmasse? Und ist der spontane Ruf meines Mitreisenden nicht eigentlich eine verkürzte Abwandlung ebenjener konstruktivistischen Philosophie, die davon ausgeht, dass der betrachtende Mensch letztlich der Erschaffer all seiner ihn umgebenden Realitäten ist? «Il n’y a pas de hors-texte» (Es gibt keine aussertextliche Realität), sagte Foucaults Leidensgenosse Jacques Derrida dazu.

Derrida schrieb der Sprache nicht bloss eine beschreibende, sondern eben eine schaffende Kraft zu und sagte damit, dass tatsächlich «nichts stimmt», weil es gar keinen aussersprachlichen Prüfstein gibt, an dem man den Wahrheitsgehalt einer Aussage festmachen könnte. Kurz vor der Endstation Zürich wollte ich meinem «nichts stimmt»Mitreisenden deshalb entgegen: «Stimmt!» Der aber döste noch immer tief, unwissend darüber, welch profunde Abgründe er in seinem Suff aufgerissen hatte.