Analyse

Turbulenzen im Vatikan

Papst Franziskus.

Papst Franziskus.

In der Kurie gibt es Widerstand gegen die Reformen von Papst Franziskus. «Die immense Popularität von Franziskus kontrastiert mit schleppenden Reformen und personellen Fehlentscheiden», schreibt unser Autor in seiner Analyse.

Die Entlassung von Glaubenshüter Kardinal Gerhard Ludwig Müller und die Beurlaubung des Finanzchefs Kardinal George Pell sind Zeichen von Unruhe im Vatikan. Die beiden Personalentscheide des Papstes werden von Vatikanexperten unterschiedlich interpretiert. Für die Optimisten sind sie der Beleg dafür, dass sich Franziskus nicht auf der Nase herumtanzen lässt und durchgreift, wenn es ihm – wie im Fall des deutschen Kardinals Müller – zu viel wird an Illoyalität. Die Pessimisten werten die Fälle Pell und Müller dagegen als Anzeichen dafür, dass der Papst mit seinen Reformen zu scheitern drohe und dass es um den 80-jährigen Argentinier allmählich einsam werde in der Kurie.

Kardinal Müller war ein Hardliner, der den Papst offen kritisierte

Die Nicht-Bestätigung des Präfekten der Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Ludwig Müller, kommt einem Paukenschlag gleich und trägt eindeutig die Züge einer Strafaktion durch Papst Franziskus. Müller, der noch von Papst Benedikt XVI. zum Präfekten der Glaubenskongregation ernannt worden war, ist ein konservativer Hardliner, der in den letzten Monaten offen Kritik an Franziskus geübt hatte. Ein besonderer Dorn im Auge war dem Glaubenshüter das postsynodale päpstliche Schreiben «Amoris laetitia», in dem der Papst die Möglichkeit erwähnte, dass es geschiedenen und wieder verheirateten Menschen unter gewissen Umständen erlaubt sein solle, an der Kommunion teilzunehmen. Müller unterstellte Franziskus, er wolle damit die Unauflöslichkeit der Ehe infrage stellen. Der Deutsche war zum Sprachrohr der konservativen Fraktion geworden, die mehr dogmatische Strenge statt Barmherzigkeit fordert.

Die Glaubenskongregation ist nicht nur eine der ältesten, sondern auch eine der wichtigsten Behörden des Kirchenstaats. Unter anderem ist sie – oder wäre sie – auch federführend bei der Bewältigung des Skandals um sexuelle Missbräuche durch Priester. Müller hat sich aber bei der Aufarbeitung der Affäre nicht durch besonderen Eifer hervorgetan. So hatte er noch im Februar den Vorwurf systematischer Vertuschung von Kindesmissbrauch durch katholische Geistliche schlichtweg zurückgewiesen. Das Problem ist bloss: Auch Müllers Nachfolger, der Spanier Luis Ladaria Ferrer, wird vorgeworfen, einen Missbrauchsfall vertuscht zu haben.

Die Berufung Ferrers ist umso unverständlicher, als der letzte Fall eines vatikanischen Spitzenbeamten, dem ähnliche Vorwürfe gemacht werden, erst kurz zuvor Schlagzeilen gemacht hatte: Gegen George Pell, den mächtigen Finanzchef des Kirchenstaats, ist in Australien Anklage erhoben worden. In der Folge wurde er vom Papst «beurlaubt», um sich in seiner Heimat gegen die Anschuldigungen verteidigen zu können. Auch bei der Berufung Pells vor drei Jahren waren die gegen ihn erhobenen Vorwürfe längst allgemein bekannt gewesen. Der ehemalige College-Rugbyspieler Pell war von Franziskus hauptsächlich wegen seiner Durchsetzungskraft zum Chef der Finanzen gemacht worden: Um Licht in die intransparenten Kurien-Geschäfte zu bringen, brauchte der Papst einen «Mann fürs Grobe».

Doch Pells Ernennung wurde für Franziskus zum Bumerang, nicht nur wegen der Anklage im Zusammenhang mit den Missbräuchen: Der Australier pflegte von Beginn weg einen autoritären Führungsstil und schoss sich einseitig auf die italienischen Kurien-Mitglieder ein, die er hauptsächlich für den finanziellen Sumpf im Vatikan verantwortlich machte. Auf diese Weise brachte Pell viele hohe Prälaten gegen sich und den Papst auf, die gegenüber den Reformen Franziskus’ eigentlich positiv eingestellt waren.

Im Speisesaal sitzt Franziskus nicht mehr in der Mitte, sondern abseits

Es bleibt somit die Momentaufnahme eines Pontifikats, das sein Gleichgewicht auch vier Jahre nach dem Konklave noch nicht gefunden hat. Die immense Popularität von Papst Franziskus bei den Gläubigen und sein hohes Ansehen auf internationaler Ebene kontrastiert innerhalb der vatikanischen Mauern mit anhaltenden Problemen, schleppenden Reformen und zum Teil eklatanten personellen Fehlentscheiden. Diese Schwierigkeiten äussern sich auch in nebensächlichen Dingen. So setze sich der Papst im Speisesaal des vatikanischen Pilgerheims Santa Marta zum Essen nicht mehr wie früher an einen Tisch in der Mitte, sondern er bevorzugt neuerdings einen Platz etwas abseits, berichtete der in solchen Dingen stets bestens informierte «Corriere della Sera». Und an seinem Tisch sässen inzwischen nur noch seine engsten Vertrauten und Mitarbeiter.

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