Miteidgenossen!… so, kurz und bündig, begann vor sechzig Jahren mein Vater, damals Regierungsrat im Kanton Zug, seine Rede zum ersten August. Er hat sie auf dem Rathausplatz in Schwyz gehalten, unter den beiden Mythen, und ich kann mich deshalb an seine Worte erinnern, weil er sie an uns, seinen Liebsten, erprobt hat. Die Mutter, meine Schwester, Onkel Franz, das Dienstmädchen, meine Schwester und ich bildeten in unserer Stube sein Publikum. Der Vater stand vor dem Klavier und führte uns nach der kurzen Anrede, «Miteidgenossen!» mit bebender Stimme auf das Rütli, wo sich die Verschwörer in einer lauen Sommernacht versammelt hatten, um die grosse Tat zu wagen. Auch der Vater hob die Hand, fuchtelte mit den Schwurfingern gegen die Stubenlampe und rief so laut, dass die Mutter rasch alle Fenster zustiess: «Unter diesen Sternen, Miteidgenossen, im Glanz dieser Gestirne, ist der Bund geschlossen worden.»

In jenem Jahr war der erste August ein schwüler Tag. Schon während unserer Fahrt von Zug nach Schwyz hat sich der Himmel verdüstert. Radio Beromünster, wie der Landessender damals hiess, hatte Gewitter angesagt, keine laue Sommernacht mit glänzenden Sternen …

Damals war die Anrede, «Miteidgenossen!», eine Selbstverständlichkeit, heute wäre sie politisch unkorrekt, und damit, liebe Walchwilerinnen und Walchwiler, liebe Bürgerinnen und Bürger anderer Staaten, beginnen unsere Probleme. Früher waren in Worten wie Miteidgenossen, Studenten oder Arbeiter beide Geschlechter eingeschlossen. Man sagte «Frau Oberrichter Hegglin», nicht: Frau Oberrichterin Hegglin. Bei den ersten Frauen, die in den Regierungsrat oder in den Bundesrat gewählt wurden, wurde anfänglich noch das Amt angesprochen, denn das Amt stand über der Person, also sagte man: Frau Bundesrat, Frau Regierungsrat, und kein Mensch wäre auf die Idee gekommen, dass durch diese Sprachform Frau Kopp oder Frau Weichelt-Picard die weibliche Würde aberkannt wurde. Es war eine andere Konvention, ein anderer Gebrauch der Sprache.

Die Konventionen wandeln sich. Ein Brief im 18. Jahrhundert fing mit einer Verbeugung vor dem Adressaten an, die heute lächerlich wirken würde. Damals hätten Sie Ihren Gemeindepräsidenten so anschreiben müssen: Hochgeschätzter, ehrwürdigster Herr Präsident der wohllöblichen Gemeinde Walchwil, gnädigster Herr Tobias Hürlimann! Heute senden Sie ihm eine SMS, ohne Anrede. Dagegen ist nichts zu sagen. Dass wir die sprachlichen Perücken jener Zeit abgelegt haben, ist ein normaler Prozess.

Es war ein normaler Prozess. Seit einigen Jahren darf sich die Sprache nicht mehr von selber ändern, heutzutage wird ihr vorgeschrieben, was sie sagen darf, was nicht. Diese Vorschriften, political correctness genannt, entstanden im linken Milieu amerikanischer Universitäten und sind mittlerweile zu einer auch hierzulande grassierenden Seuche geworden. Noch schlimmer ist es in Deutschland. Letzthin traf meine Lebensgefährtin in Berlin einen ehemaligen Klassenkameraden. Beim Essen sagte sie: «Reichst du mir bitte den Salzstreuer?» Da reagierte er, der für den rotgrünen Senat tätig ist, entrüstet. «Wie kannst du als Frau männliche Endungen benutzen! Korrekt muss es Salzstreuerin heissen.»

Sie denken jetzt bestimmt: Die Augustrednerin übertreibt. Nein. Mittlerweile gibt es an den europäischen Universitäten unzählige von der EU geförderte Gender-Lehrstühle, die Studenten, pardon! Studierende, zur Sprachpolizei ausbilden. Ideologen wollen unsere Zungen besetzen. Unser Sprechen soll in Formeln gepresst werden, die eine rigide Moral für richtig hält. Auf Stil und Klang der Sprache nimmt diese Moral keine Rücksicht, vielmehr wird der Sprachkörper immer wieder vergewaltigt – erst noch mit einem Aufwand, der Millionen an Steuergeldern verschlingt.

Zu Tells Zeiten, als die Verschwörer ihre drei Finger zu den glänzenden Sternen gereckt haben, war das Zeichen der Diktatur, Gesslers Hut, für alle sichtbar. Er hing auf einer Stange und musste von den Passanten gegrüsst werden. Die Sprachpolizei von heute hat Ihnen diesen Hut ins Maul gestopft. Sie sehen ihn nicht, aber Sie würgen daran. Und wenn wir uns nicht wehren, wenn wir nicht wieder zu Rebellen werden, die sich in lauer Sommernacht treffen, um unter den Sternen die Freiheit zu beschwören, werden wir an diesen Hüten ersticken.

Ein anderer neuer Hut ist der Begriff Toleranz. Heute dominiert er jede Predigt, jeden Leitartikel, jedes politische Statement, und ich mache jede Wette, dass sämtliche 1.-August-Reden, die schweizweit gerade gehalten werden, ebenso fantasie- wie kritiklos zur Toleranz aufrufen. Das Schlimme daran: Wer sich dieser Sitte verweigert, wird sofort als Nationalist, als Rassist, gar als Faschist verschrien. Sollten Sie leise zu fragen getrauen, was von diesem Begriff eigentlich zu halten sei, hauen Ihnen die Obermoralisten, die das Wort Toleranz auf ihren Fahnen tragen, die Fahnenstange über den Schädel.

Ich sage es laut: Toleranz ist ein anderes Wort für Feigheit. Der rumänisch-französische Philosoph E. M. Cioran hat es noch klarer ausgedrückt: «Toleranz ist ein Kennzeichen der Schwäche, eine Koketterie von Sterbenden.»

Ja, eine Gesellschaft, der es sprachpolizeilich untersagt wird, sich auf die eigenen Werte und die eigene Geschichte zu berufen, hat zu sterben begonnen. Sie gibt das kritische Denken und ihren Standpunkt auf. Sie propagiert den naiven und verlogenen Begriff der Toleranz, der Nachsicht, der Duldung, und glaubt mir, Miteidgenossen, männliche und weibliche: Diese Toleranz-Fahne eignet sich bestens dazu, über den Sarg unserer Kultur gelegt zu werden. Denn, ich wiederhole: «Toleranz ist eine Koketterie von Sterbenden.» Wer sich nicht mehr behauptet, wer nur noch erduldet, was auf ihn zukommt, der wird zur Leiche und verschwindet aus der Geschichte.

Vielleicht kennen ein paar Ältere von Ihnen noch den Namen Max Frisch. Max Frisch, 1991 in Zürich gestorben, war der berühmteste Dichter der Schweiz. Lange Jahre lebte er im Tessin, und jedes Mal, wenn er mit seinem Jaguar von dort nach Zürich oder von Zürich zurück ins Tessin fuhr, machte er in Walchwil Station. Auf der Herfahrt hielt er an, weil für ihn hier, am Zugersee, mit Palmen und Kastanienbäumen der Süden endete und weil er im «Aesch», im «Engel» oder im «Sternen» noch einmal die südlichen Köstlichkeiten geniessen wollte. Kehrte er dann aus dem Norden, aus Deutschland oder Zürich, ins Tessin zurück, wurde das Ritual ebenfalls befolgt. In Walchwil unterbrach er die Fahrt, zog Krawatte und Jackett aus, steckte sich seine Pfeife an und sagte zu seiner Frau: «Marianne, lass uns im «Sternen» einen Weissen trinken – hier beginnt der Süden.»

Am 1. August 1957 hat Frisch zum Nationalfeiertag, wie es damals noch heissen durfte, ebenfalls eine Rede gehalten. Zum Schluss rief er dem Publikum zu:

«Wenn Sie, liebe Landsleute, gar nicht einverstanden sind mit dem, was ich hier sage, kann ich doch sagen, was meiner Denkart entspricht. Es kann sein, dass man sich ein paar Feinde macht, und ich zweifle nicht daran, dass sie mir schaden können, aber niemand zwingt mich, etwas zu sagen, was ich nicht glaube. Machen Sie Gebrauch von der Freiheit, der wir uns rühmen, der Freiheit der Gedanken und der Freiheit der Rede. Machen Sie Gebrauch von der Freiheit, bevor sie verrostet, denn die Freiheit gehört zu den Dingen, die sehr rasch und rettungslos verrosten, wenn man sie nicht braucht.»*

Die Warnung des häufigen Walchwil-Besuchers Max Frisch ist aktueller denn je. Selbsternannte Ideologen zensurieren Ihre Gedanken. Sie dürfen nicht mehr reden, wie Ihnen der Schnabel gewachsen ist, und wehe, Sie erlauben es sich, wie Kant oder Goethe, den Begriff der Toleranz kritisch zu hinterfragen. Dann werden Sie von den Schergen der modernen Diktatur abgeführt wie seinerzeit der tapfere Tell, der sich geweigert hatte, vor dem doofen Hut einen Bückling zu machen.

Halten Sie es mit Frisch, meine Damen und Herren: Machen Sie Gebrauch von der Freiheit! Spucken Sie die Hüte, mit denen man Ihnen Maul und Hirn zustopfen will, aus! Bedenken Sie: Viele, die in unser Land kommen, sind diktatorischen Regimes entflohen, und wir können nichts Dümmeres tun, als ihretwegen unsere Freiheit einzuschränken, als ihretwegen die Kreuze von den Gipfeln zu reissen oder, wie kürzlich im ehemaligen Kantonsspital Zug, ein künstlerisch wertvolles Altarbild zu überpinseln. Hören wir auf, unter dem verlogenen Begriff der Toleranz kulturelle Schandtaten zu begehen, und bringen wir endlich den Mut auf, auch im Interesse und zum Wohlergehen unserer Zuwanderer, wieder so frei zu sein, wie es die Väter waren.

Der Himmel über den Mythen war schwarz geworden, schon wummert nah ein Donner, schon klatschen erste Tropfen herab, Trachtenfrauen, Ehrengäste, Turner und Alphornbläser stürzen davon, aber vorn, am Rednerpult, gibt der Vater nicht auf. Tapfer stösst er die Schwurfinger ins herabplatzende Gewitter und: «Unter solchen Blitzen», schreit er, «im Glanz solcher Blitze, Miteidgenossen, ist der Bund der Freiheit geschlossen worden!»

* Zitiert aus: orte, Schweizer Literaturzeitschrift. Heft Juli 2018. «Die Heimat freut sich darauf, gemacht zu werden!» Die 1.-August-Rede als literarische Gattung.