Es gibt Fragen wie blaue Löcher; die können nur in kalte Tiefen führen. Meist umkränzt ein Riff die blauen Löcher. Zerschellt ein Kahn vorher nicht daran, schluckt ihn dann das Loch in der Mitte. Dergleichen riskiert man mit folgender Frage: Was ist schändlicher – einem Menschen den Kopf abzuschlagen oder einer 2000-jährigen Statue?

Seit gestern beugen sich drei Richter über die Frage: ein Deutscher, ein Philippiner und ein Kongolese. Dabei dürfte eine ähnliche Beklommenheit wie vor dem kalten Loch die drei erfassen. Denn erstmals steht in Den Haag ein mutmasslicher Kriegsverbrecher vor dem Internationalen Strafgerichtshof, allein dafür angeklagt, in Timbuktu Kulturgut von Weltrang zerstört und verbrannt zu haben: jahrhundertealte Mausoleen und 4000 historische Manuskripte.

Timbuktu, Malis sagenhafte Wüstenstadt, bezeichnet die NZZ als «spirituelle Hochburg des mittelalterlichen Islams». Eines hoch verfeinerten Islams, bleibt anzufügen, des Sufismus. Der Kulturminister von Mali sagte, der Angriff auf die Heiligtümer habe «den Lebensnerv unserer Seelen» getroffen. Der Täter, der die Barbarei in Timbuktu verantworten soll, hat ein Geständnis abgelegt: Ahmad al-Faqi al Mahdi. Er stammt vom «blauen Volk» der Tuareg. Im Anzug mit Krawatte und randloser Brille wirkte er vor Gericht wie der Schulleiter, der er einst offenbar gewesen war, als kultivierter Akademiker.

Eine Statue, der man den Kopf abschlägt, blutet nicht. Warum sollen Richter einen Frevler vor dem Kriegstribunal grillen und ihn mit maximal dreissig Jahren Gefängnis bestrafen oder minimal mit Busse? Fürs Beschädigen einer Sache? Gräuel hingegen an Lebenden, die al-Faqi ebenfalls angelastet werden, bringt die Anklage vorläufig nicht aufs Tapet: die reale Schändung von Frauen und ihre sexuelle Versklavung.

Ahmad al-Faqi al Mahdi befehligte die Religionspolizei, nachdem 2012 Islamisten bis Timbuktu vorgedrungen waren: die Gruppe Ansar al-Din, verbandelt mit al-Kaida. Religionspolizisten, Moralschergen peitschen vorzugsweise Frauen – allen voran offenbar al-Faqi al Mahdi, mit eigener Hand. Seine Bande vergewaltigte, versklavte und trieb junge Leute in die Zwangsheirat.

Davon soll jetzt nicht die Rede sein. Fatou Bensouda verzichtet darauf, die Chefanklägerin. Die Gambierin stammt mittelbar aus Malis Nachbarschaft. Warum geht es ihr um Mauern und Steine, nicht um Verbrechen an den Schwestern? Fatou Bensouda sagt: «Es sind nicht Mauern und Steine. Es geht um einen eiskalten Anschlag auf die Würde und Identität der Bevölkerung, auf ihre religiösen und historischen Wurzeln.»

Wie aber werden Kulturverbrechen abgewogen gegenüber Bluttaten? Was ist schlimmer: Aggression gegen Geist und Kunst oder gegen Leben? Eine frühe Antwort gab Ahmed Baba, ein Weiser aus dem Morgenland: «Die Tinte des Gelehrten ist wertvoller als das Blut der Märtyrer.» Die Kühnheit einer solchen Behauptung gelingt nur während Zeiten regen Bildungsaustauschs und kultureller Hochblüte. Wie auch – notabene – die Kühnheit radikaler Kritik daran, etwa Schillers Schmähwort vom «tintenklecksenden Säkulum». Babas Behauptung ist Mumpitz; kein Mensch kennt den wahren Wert von Blut. Deshalb wurde und wird ja so viel vergossen.

Gleichwohl: Ahmed Baba (1556–1627) war ein ehrenwerter Mann, der berühmteste Philosoph Timbuktus. Würden heutige Gotteskrieger, diese Hölle säenden Blindgänger, seiner habhaft, würden sie ihn gleich mehrfach steinigen. Der einfältige Typ hingegen, der Moralköter al-Faqi al Mahdi in Den Haag, begründete die Raserei gegen Unesco-Weltkulturerbe so: «Der Prophet hat gesagt, Mausoleen seien zu zerstören, weil alle Menschen gleich sind. Also darf auf Friedhöfen kein Grab grösser sein als das andere.»

Alles kurz und klein schlagen, bis alle Killing Fields der Welt einander gleichen – genauso bellte in Kambodscha der Pol Pot. Und Maos Horde während der «Kulturrevolution». Wo ein Kopf ist, muss der sofort einen Kopf kürzer gemacht werden: Das ist die Internationale der Gesinnungsspiesser. Nicht bloss in Timbuktu. Auch in Afghanistan, in Bagdad und Palmyra. Oder Dresden (die Tommys) und Birmingham (die Krauts). In Sarajevo (die Serben). Bis zum Bildersturm in hiesigen Klöstern. Es ist neu, dass man zu Gericht sitzt über das zähe Gebräu von Hass, Ressentiment und Ignoranz. Es ist höchste Zeit.