Im Umgang mit Gewalt erkennen wir uns oft als erschreckend hilflos. Gewalt bricht aus – dieser Eindruck ist fast unwiderlegbar. Natürlich ist er falsch. Gewaltausbrüche haben – wie die von Vulkanen auch – ihre Ursachen, sie finden unter bestimmten Bedingungen statt, und auch, wie sie ausbrechen, ist in vielfältiger Weise determiniert. Nur ist die Rekonstruktion solcher Ereignisse schwierig, und oft kommt sie uns beliebig-zufällig vor.

Seelische und andere inhaltsähnliche Motivlagen als Ursachen anzuführen, erweckt oft den Eindruck, den Täter als einen seinen Trieben hilflos ausgelieferten und damit Unschuldigen hinstellen zu wollen. Das ist er nicht, aber die Differenz zwischen «Erklären» und «Verstehen» hochzuhalten, ist nicht immer einfach.

Deshalb empfiehlt es sich, ein etwas simples Modell zu verwenden. Man kann die Frage nach der Energie stellen, welche zum Gewaltausbruch geführt hat. Beim Attentat von Anders Breivik oder bei Schulhausmassenmördern gerät man schnell ins Pathologische – Wahnsinn ja, aber mit Methode drin. Aber dass ein gehöriges Mass an Energie vorhanden seine muss, ist klar. Und dass Frustration, gekränkter Narzissmus und empfundene Hilflosigkeit dahinterstehen, ist ebenso klar.

Woher kommt die Energie für terroristische Gräueltaten wie die von Brüssel und Paris? Es klingt «biologistisch», wenn man argumentiert, dass Aggressivität eine Reaktion ist. Aber der Gedanke ist plausibel: Destruktive Energie entsteht, wenn das Individuum psychisch unter Druck ist, wenn Empfindungen der Perspektivlosigkeit und Minderwertigkeit die Oberhand gewinnen. Wenn das Adrenalin zwar strömt, aber nicht mal mehr Flucht eine Möglichkeit ist. Das überwältigende Gefühl: Man ist nichts und es sieht nicht so aus, wie wenn sich das ändern würde. Das ist nichts Neues. Man findet es schon an vielen Orten: das Banlieue-Gefühl.

Daraus entsteht Gewalt, wir kennen das. Aber sie richtet sich in der Regel nicht gegen Menschen, schon gar nicht gegen Unbeteiligte. Sondern meist gegen Sachen. Man hält es schlicht nicht aus, dass man selbst kaputtgeht (oder das so empfindet) und es noch Dinge gibt, die heil sind. Telefonkabinen, Autos, Schaufenster. Kaputt machen. 

Terror braucht noch ein Zweites. Etwas, was die destruktive Energie gegen Menschen richtet. Der Aufwand dafür ist nicht klein. Es braucht einiges, bis man gegen andere Menschen, gegen völlig Fremde sogar, gewalttätig wird. Diese Hemmschwelle wird nicht einfach so überwunden. (Auch Schulhausmassenmörder und Breivik mussten sich anstrengen, um ihren Hass, ihre destruktiven Gefühle derart kanalisieren zu können, wie sie sich dann auswirkten.)

Terror braucht zum «Banlieue-Effekt» noch die pseudo- oder richtige religiöse Befeuerung, «auf einer Mission» zu sein. An der Spitze einer grossen Menge von Hoffnungslosen und Verzweifelten, die sich nicht anders zu helfen wissen. Dieses Gefühl der Mission liefert der Islamische Staat. Die Idee ist ja simpel. In einem Meer von Ungerechtigkeit und westlicher Dominanz wehrt sich dieses kleine Schiff gegen den Untergang. Muslime kriegen leicht das Gefühl, überall auf der Verliererseite zu sein. Nicht nur im Nahen und Mittleren Osten, auch in Pakistan, in Afghanistan, in Teilen von Indien oder Afrika wird das Gefühl genährt. Durch die Hassprediger, aber auch durch die historisch gewachsene Situation.

Terror in Europa – das ist Banlieuefeeling plus Bewusstsein einer historischen Mission (allerdings eine einigermassen real unterfütterte, also nicht: Weltherrschaft des Islam, sondern Islamischer Staat). Dann kanalisiert sich Aggressivität in – allerdings blinden – Hass, dann greift man zum Sprengstoff. Dann wird Terror zum Kampf – die beiden Dinge sollte man auseinanderhalten. Auch wenn neuerdings mit Drohnen getötet wird – im Kampf gegen den Terror.

Was wird uns vor Terroranschlägen bewahren? Der Staat hat die Aufgabe, seine Bürger zu beschützen. Er wird also Polizisten und Soldaten losschicken. Aber jeder sieht, dass das nicht reicht. Solange die Banlieue Verzweifelte produziert und die globale politische Situation einen perfekten Verblendungszusammenhang geradezu anbietet, wird es an Terror-Kommandos nicht fehlen. Jeweils eines mehr, als man stoppen kann.