Der Tag der Frau wurde zwar vor einer Woche gefeiert – kein Grund, das Thema Gleichstellung heute nicht aufzugreifen. Zusätzlich zum prominenten und immer noch peniblen Thema der Lohnungleichheit – von Doris Kleck am 3. März glänzend erfasst – beschäftigt mich die Frage: Wie halten wir es mit der Unterdrückung der Frau aus anderen Kulturen und Religionen? Dass ausgerechnet (national)konservative Kreise, die sonst durchaus mit der Bindung der Frau an Heim und Herd zufrieden sind, sich in diesem Thema als Kämpfer für die Rechte der Frau positionieren, ist für viele (Frauen insbesondere) ein Ärgernis – fast so wie die Lohnungleichheit. Dies hat eine lange philosophische Geschichte – und steht heute an einem brisanten Punkt. 

So wichtig und vorbildlich wie die von mir geschätzten alten Griechen die Polis als Ort der Verständigung über die Regeln des Zusammenlebens hochhielten, so klar war ihre Vorstellung vom Haushalt als «Gegenort» des öffentlichen Lebens: Er hatte den Zyklen der Natur zu folgen und der Selbstversorgung zu dienen. Selbst wenn in der Wirtschaftslehre des Xenophon die Frau, wenn sie sich als besser erwies, sich um Herden und Felder statt um das Innere des Hauses kümmern konnte: Sie blieb dem Mann untergeordnet und ihr Tätigkeitsfeld auf den Haushalt beschränkt. Dass die Frau nach ihrer Heirat aus dem öffentlichen Leben verschwindet und sich in ihren vier Wänden dem Haushalt und der Familie widmet, stand ausser Frage. 

Die meisten späteren Philosophen, mögen sie sich in gesellschaftspolitischen Fragen noch so unterschieden haben, blieben in diesem Punkt den Griechen treu: die Beschränkung der Frau auf die private, sprich häusliche Sphäre rechtfertigen sie als «von Natur aus» gegeben. – Genau gegen diese Einschränkung und ihre Begründung haben Generationen von Frauen vor uns vehement gekämpft. Ohne sie gäbe es kein Frauenstimmrecht und keine Gleichstellung im Gesetz. 

Umso unverständlicher ist es mir, weshalb genau diese Freiheiten und Rechte – gerade von linker Seite – Frauen anderer Kulturen und Religionen verwehrt bleiben sollen. Dabei lautet die Frage nicht, ob diese aus unserer Sicht völlig veralteten und diskriminierenden Strukturen in anderen Kulturen und Religionen grundsätzlich vertretbar sind oder nicht. Unter Verweis auf menschliche Grundrechte ist das zwar problemlos zu verurteilen; religiöse Begründungen haben jedoch das Privileg, nicht vernünftig sein zu müssen. Indes darf die Frage sehr wohllauten, ob wir diese Unterordnung bei uns, in unserer Kultur und Rechtsordnung dulden wollen oder nicht. 

Das Recht auf individuelle Freiheit – also Bildung, eigene Berufswahl und Arbeit, freie Wahl des Ehepartners, ein öffentliches Leben – jenen Frauen abzusprechen, von denen viele bei uns genau auf diese Befreiung hoffen, ist eine unzulässige Relativierung des Prinzips der individuellen Freiheit und der Rechte der Frau. Wer beispielsweise auf die Freiheit der Frauen im Islam verweist, das Kopftuch zu tragen, verkennt, dass es «das effektivste Diskriminierungswerkzeug des Patriarchats darstellt, um die Kontrolle über Körper und Freiheit der Frauen zu behalten», wie der in der Schweiz lebende, säkulare Marokkaner Kacem Kacem El Ghazzali kürzlich in der «NZZ» ausführte – um nur einen Satz der zahlreichen und mutigen Ausführungen von Necla Kelek, Saïda Keller-Messahli, Elham Manea und anderen zu zitieren. Freilich finden sich andere prominente Meinungsbekundungen aus dem Islam, die auch bei uns eine immer grössere Gefolgschaft finden. Wer sich auf deren Seite schlägt, sollte sich jedoch zumindest fragen, ob er – oder vor allem auch sie – die «Freiheit der Frau» auch verteidigen würde, wenn es sich um einen schweizerischen Fall handelte, beispielsweise um ein Arbeitsverbot, die Lohnungleichheit oder die Verweigerung des politischen Mitspracherechts. 

Wer erinnert sich noch an das Argument der damaligen Männer in der Schweiz, die Frauen selbst würden ja gar kein Stimmrecht wollen? Unsere Mütter wollten genau darauf selbst eine Antwort geben! Die Walliser Historikerin Elisabeth Joris brachte diesen unbändigen Wunsch in Erinnerung an «1968» neulich wunderbar auf den Punkt: Endlich alleine tanzen! Und nicht darauf warten, bis ein Mann dich auffordert. Tanzen wir also – und lassen wir tanzen, und zwar alle!