Von einem Medienunternehmen wie der Tamedia scheint zu viel verlangt, was seine Journalisten von jeder anderen Firma einfordern: eine offene und transparente Information. Was der Zürcher Konzern am Mittwoch kommunizierte: Alle Tageszeitungsredaktionen werden bis Ende Jahr sprachregional zusammengelegt und die Grossressorts in «Kompetenzzentren» umbenannt.

Was Tamedia vernebelt: Das angestrebte Sparpotenzial lässt sich nur mit einem massiven journalistischen Stellenabbau realisieren. Was der Konzern stattdessen sagt: Bis Ende Jahr gebe es keine Kündigungen.

Es ist offenkundig, dass Tamedia scheibchenweise orientiert, in der Hoffnung, damit dem Sturm öffentlicher Entrüstung zu entgehen. Was der Konzern nicht bedenkt, ist der Kollateralschaden, den er verursacht.

Schaden nimmt die Glaubwürdigkeit, das höchste Gut im Journalismus. Was ist von den publizistischen Absichtserklärungen des Medienkonzerns noch zu halten, wenn ihm selbst die eigenen Journalisten zutiefst misstrauen?

Der drohende Stellenverlust ist das eine, der Einheitsbrei, den die Tamedia anrichtet, das andere. Der Konzern liefert damit all jenen Kritikern Argumente, die seriösen Journalismus schon heute als «Meinungskartell» und «Lügenpresse» desavouieren. Sie sehen sich umso mehr im Recht, faktenfrei eine Gegenmeinung für richtig zu erachten. Abhilfe schafft dem nur, wenn Medien – allen voran die Presse – in der Lage sind, einen Diskurs zu gestalten.

Dieser beinhaltet, dass sich Redaktionen gegenseitig hinterfragen, sich kritisieren. Voraussetzung dafür ist, dass ein Konzern wie die Tamedia, die mit gütiger Mithilfe der Wettbewerbskommission zur Zeitungskrake wachsen konnte, einen Binnenpluralismus zulässt. Doch diese Funktion hat die Tamedia nun ausgeschaltet.

christian.mensch@azmedien.ch