Coda zu «You can’t always get what you want», das Trump spielen lässt, wenn er redet.

Ja, Leute, auch ich ging einmal an die Rezeption (aber war nicht heute), und da sah ich ihn, nein, kein Glas Wein in seiner Hand, denn er musste die Arme weit ausgebreitet halten, ein bisschen wie Jesus, wenn er zu den Mühseligen und Beladenen spricht, aber er sprach: «I love this country», und ja, auch er war ziemlich geübt in der Kunst des Täuschens, aber blutbefleckte Hände hatte er keine. Und als er ging, liess er die Engel singen.

Genau, Mr. Jagger, ich weiss heute immer noch nicht, was Sie mit Ihrem Lied damals gemeint haben. Mit dem Titel bin ich – je nach Stimmung – mehr oder weniger einverstanden: «You can’t always get what you want – Du kannst nicht immer alles bekommen, was du willst». Kommt ein bisschen drauf an, wen man ihn sagen lässt. Sagt man es zu sich selbst, ist es o.k. Sonst – na, ja. Und ich bin auch nicht sicher, wie ich ihren Refrain verstehen soll: «But if you try sometimes you just might find / You just might find you get what you need – Aber wenn du es manchmal versuchst, wirst du vielleicht einfach finden, du kriegst dann, was du brauchst».

Einverstanden, Mr. Jagger, Songtexte sind keine Gebrauchsanweisungen und auch kein Kleingedrucktes in vertrackten Verträgen, bei denen es auf jedes Wort ankommt. Aber die Redewendung «you get what you want» bedeutet ja manchmal auch: «Das, was du glaubst, das dir zusteht». So habe ich wenigstens das mitbekommen, damals in der Schule, als man uns zwar nicht viel übers Leben lehrte, dafür aber sehr viel fürs Leben. Und wenn ich daran denke, kommt mir dann das «finden» ein bisschen schräg rüber. Nicht mehr wollen, dafür finden? Klingt schon fast religiös.

Was mir eigentlich zusteht – da muss ich schauen, ob ich’s finde

Nun zu Ihnen, Mr. Richards: Sie haben auch bei diesem Song die Gitarre in optimistischem offenen G-Dur gestimmt. Das haben Sie damals oft gemacht, so auch bei «Honky Tonk Woman», wo es einen tollen Effekt macht. Auch hier kann mit ein paar Fingern die Unschlüssigkeit zwischen dem offenen G-Dur und der Subdominante (reines C-Dur spielen Sie dann doch nicht) sehr gut deutlich machen. Und die Dominante vermeiden Sie im ganzen Song, der Übergang geht dann über die zweite Stufe (A-Dur) gleich zu – hier reinem – C-Dur. Gut gemacht. Ein solcher Text duldet keine Auflösung, keine saubere Kadenz. Da muss auch die Musik auf das Niveau des Wollens zurück und dort bleiben.

Meine Herren, ich weiss, ich bin recht kritisch, aber Ihr Song ist als Song ganz passabel. Und
als Abschluss des Albums «Let it bleed» passte er auch gut. Dort drauf habt Ihr ja auch «Love
in vain» – eine der besseren Versionen dieses Blues-Klassikers. Den habt Ihr gut gebracht.

Aber – was zum Teufel – tun die singenden Engel eigentlich hier?

Aber was Sie mir jetzt endlich sagen müssten: Was hatten Sie denn mit dem Chor-Intro im Sinn? Gut, wenn man den Londoner Bach-Chor haben kann, dann packt man zu und lässt
ihn die Harmonien zu I und IV trällern. Und wenn die Konkurrenz, die Beatles, ein ganzes Symphonieorchester aufbieten kann, nur um auf «A Day in the Life» (auf «Sergeant Pepper») einen anschwellenden Ton zu spielen, dann darf es auch der Bach-Chor sein.

Es klingt dann hier ein bisschen wie aus dem Jenseits: Mach dir nichts vor, es kann nicht sein, dass du kriegst, was du willst. Engel singen ja solche Sachen: Friede auf Erden, den Menschen ein Wohlgefallen und so. Aber so war das 1969 etwas desillusionierend. Mit dem Klassenkampf hatten Sie es ohnehin nie so. Wie war das mit dem «Street fighting man»? Da wollten sie nur ein Sänger in einer Rock ’n’ Roll-Band sein. Und auch hier: Wir gehen nur auf die Strasse, weil es uns sonst die Sicherung raushauen würde.

Aber lassen wir das. Kommen wir zum Punkt. Auch dieser Mann lässt die Engel singen. Sie haben versucht, ihm das zu verbieten. Er hat sich nicht daran gehalten. Auch dann nicht, als er der Nation, die er so liebt, dankte, dass sie ihn zu ihrem Präsidenten gewählt hat. Ich hoffe nun, dass Sie es nicht wegen dem Geld gemacht haben. Wäre o.k., aber nicht so sympathisch. Vielleicht wegen des Bach-Chors? Das würde mir besser passen. Aber vielleicht war es auch einfach deswegen, weil Sie Zynismus nicht mögen. Wenn’s das ist, haben Sie meine Sympathie.

christoph.bopp@azmedien.ch

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