Donnerstagabend auf der Pendlerstrecke Bern–Zürich: Zwei Männer mittleren Alters sitzen im Speisewagen und killen eine Flasche Wein. Schräg vis-à-vis unterhalten sich zwei Fahrgäste auf Englisch. Auf einmal unterbricht sie einer der beiden Weintrinker: «Du dert äne, chasch eigentlech nid Dütsch?» Peinlich berührt erwidert der Angesprochene – ein Schweizer, der mit seinem Kollegen in dessen Muttersprache konversiert – höflich: «Doch, warum meined Sie?» «Mir sy da i dr Schwiz, da redä mer nid Änglisch, sondern Dütsch!», trompetet der andere, bevor er sich wieder dem Kollegen zuwendet und etwas von Albisgüetli-Tagung redet, die er zu besuchen gedenke, die für ihn mit «150 Stutz» aber doch etwas gar teuer sei.

Zehn Minuten und zwei Weingläser später pöbelt der Beschwipste unter dem Gelächter seines Gefährten erneut gegen den ihm unbekannten Tischnachbarn: «Weisch, mini Vorfahre sy aues Schwizer: Grossvater, Urgrossvater, aui ...! Wo hesch de du dini Wurzle, dass du da muesch Änglisch rede?» Der andere lässt sich dieses Mal nicht beirren und tut so, als habe er die Frage überhört. «I bi äbe stouz uf mini Wurzle hie i dr Schwiz, nid so wi du!», doppelt der «Eidgenosse» kurz vor Zürich nach.

Im Speisewagen herrscht betretenes Schweigen. Wer besinnt sich schon gerne auf seine Scholle angesichts eines so beschämenden Moments? Chauvinismus à la Donald Trump ist in der vielsprachigen Schweiz sogar (speise-)salonfähig geworden. Dieser Umstand ist nicht nur aus ethisch-moralischer Sicht tragisch, sondern auch Gift für unseren Wirtschaftsstandort, der in hohem Masse auf englischsprachiges Personal angewiesen ist. Und, könnte man noch als hilflose Pointe einwenden, Trump selbst spricht auch nur Englisch.

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