Je länger sie dauert, desto schwieriger wird es, sagt auch Roger Brennwald und meint damit die Karriere von Roger Federer. Für sein Turnier, die Swiss Indoors Basel, war oder ist der Baselbieter ein Glücksfall. «Eine göttliche Fügung, ein Sechser im Lotto», um es mit den Worten von Brennwald auszudrücken. Federer spielte 1999 erstmals in der St. Jakobs-Halle, im dritten Anlauf erreichte er den Final. Inzwischen hat er das Turnier, bei dem er einst Balljunge war, sieben Mal gewonnen. Eine schöne Geschichte, sie wurde tausendmal erzählt. Doch die Medaille hat eine hässliche Kehrseite.

Zwölf Mal stand Roger Federer in diesem Jahrtausend im Final. An eine Zeit ohne ihn kann sich kaum jemand erinnern. Längst sind aus den Swiss Indoors die Federer-Festspiele geworden. «Wir unterschätzen diesen Punkt nicht. Roger hat neue Massstäbe gesetzt.» Er flüchtet sich in Fatalismus, wenn er sagt: «Vielleicht fällt einer vom Himmel, der das Tennis neu erfindet und auch noch Schweizer ist.» Er weiss, wie einmalig die Konstellation mit Federer ist. Wie blutleer die Veranstaltung ohne ihn ist, hat das letzte Jahr gezeigt. Selbst am «Super Monday», an dem der Japaner Kei Nishikori den verletzten Rafael Nadal ersetzte, blieben Plätze leer. Nishikori, damals die Nummer vier der Welt, sorgt in Asien für schöne Einschaltquoten, doch in Basel ist ein Spieler seines Kalibers kein Kassenschlager.

Mit Federer, Nadal, Djokovic oder Wawrinka werden Tickets verkauft

Das ist nicht die Schuld der Swiss Indoors, sondern ein Phänomen, das überall gilt: Nur Federer, Nadal, Novak Djokovic, Andy Murray und Stan Wawrinka sind Anreiz, ein Ticket zu kaufen. Auf einen wie Marin Cilic, immerhin die Nummer vier der Welt, 2014 US-Open-Sieger und in diesem Jahr Wimbledon-Finalist, hat in der Schweiz keiner gewartet. Die goldene Generation des Tennis um die «Big Four» hat den Sport in neue Sphären katapultiert. Die 63 Turniere ziehen knapp fünf Millionen Zuschauer in die Stadien. Eine Milliarde verfolgt die Spiele am Fernsehen. Basel ist als drittgrösstes Hallenturnier der Welt Teil eines florierenden Geschäfts.

Dass das langfristig so bleibt, ist nicht garantiert. An den Schalthebeln der Profi-Vereinigung ATP sitzen Opportunisten. Neue Turniere schiessen wie Pilze aus dem Boden; und zwar überall dort, wo sich gerade ein Lokalheld vermarkten lässt. Eine Rechnung, die langfristig nicht aufgeht. Der Kalender ist überladen, immer öfter bleiben die Goldesel grossen Turnieren zwecks Schonung oder wegen Verletzungen fern. Roger Federer zum Beispiel verzichtete im Frühling auf die Sandsaison und blieb mit Roland Garros sogar erstmals aus freien Stücken einem Grand-Slam-Turnier fern. Mit Novak Djokovic, Stan Wawrinka, Andy Murray, Kei Nishikori, Milos Raonic und Tomas Berdych haben zahlreiche Spitzenspieler ihre Saison frühzeitig beendet.

Für Basel ist das Turnier zu gross, für den globalen Markt zu klein

Das raubt Veranstaltern die Planungssicherheit. Ein Blick auf das Plakat der Swiss Indoors 2017 zeigt: mit Nadal, Wawrinka und Kyrgios fehlen drei der fünf Propagierten. So gesehen ist es ein Segen, dass sich Federer bis 2019 zur Teilnahme bekannte. Er spricht von «Krimskrams», Brennwald von der «Gewissheit, die uns Ruhe gibt». Die Ruhe, sich auf andere Schauplätze zu fokussieren; der wichtigste: Die Strukturreform, die in den nächsten Wochen beschlossen wird. An ihr hängt die sogenannte Sanction, welche im 2018 ausläuft und Basel den Status in der Turnierkategorie ATP500 garantiert. Eine Abwertung ist zwar kein Thema, im Raum steht aber eine Aufwertung von Turnieren wie Schanghai.

Gemessen an Metropolen wie Peking, Tokio, Dubai oder Washington ist Basel eine kleine Stadt, und die Swiss Indoors eine Erfolgsgeschichte. Doch die Strahlkraft hängt im Wesentlichen an Federer. Es ist auch kein Zufall, dass sich die Suche nach einem Hauptsponsor so schwierig gestaltet. Für den Heimmarkt ist das Turnier zu gross, für den globalen Markt hingegen zu klein. Die Weltbesten treten hier nur gegen Antrittsgagen an. Doch anderswo wird mit grösserer Kelle angerichtet. Brennwald sagt: «Der Charme des Geldes liegt in seiner Menge.» Bei Federer geht es nicht um Geld. Basel ist für ihn eine emotionale Geschichte. Wenn sie wegfällt, sind die Swiss Indoors wieder ein normales Turnier. Doch wo das Aussergewöhnliche seit Jahrzehnten Usus ist, reicht Normalität nicht mehr aus. Und aus dem Glücksfall wird eine Hypothek.