Kolumne

Sündenböcke im Museum: Wenn Machteliten Feindbilder als Ventil für Aggressionen präsentieren

Das Landesmuseum ist einmal mehr top-aktuell, seit einer Woche läuft die Ausstellung «Sündenbock». Sie thematisiert kollektive Gewalt von Gruppen gegen Einzelne von der Vorzeit bis heute. Zerstrittene Menschengruppen brauchen häufig ein Opfer, um Gewalt zu kanalisieren und sich zu befrieden. Wer – wie neuerdings auch ich – auf den Social Media unterwegs ist, staunt ob des Hasses, der aus den Blasen von Gleichgesinnten gegen die immer- gleichen Sündenböcke geäussert wird. Die live-geschalteten Gräueltaten – wie jüngst in Christchurch – zeigen breit gestreut die Tat-Bilder dazu. Nicht einmal aufgeklärte Wohlstandsnationen wie Schweden oder Neuseeland sind sicher vor gewalttätigen Extremisten. Da lobt man sich die historischen Vorbilder des Sündenbock-Rituals aus der Bibel, Mesopotamiens und Anatoliens. Symbolisch wurde einmal im Jahr ein Tier mit den angehäuften Sünden beladen, in die Wildnis geschickt und so die Gemeinschaft mit sich und Gott versöhnt.

Bekanntlich haben weder die Aufklärung, Volksbildung noch die Grauen der Kriege etwas am soziologischen Grundproblem und der Verführbarkeit der Menschen geändert. Ob am Arbeitsplatz oder im Verein, wo Frustration herrscht, ist rasch eine Person oder Gruppe identifiziert, die als Ventil den Aggressionen ausgesetzt wird. Wenn Machteliten eine Minderheit in der Krise zu einem Feindbild entwickeln und mit dieser Projektion bei der Mehrheit identitätsstiftend wirken, sind Unrecht und Verfolgung nicht weit.

Konstante Antisemitismus

An der Spitze dieser Feindbilder steht trotz Holocaust und allen Bemühungen um Versöhnung und Erkenntnis wie eine Konstante der Antisemitismus. In Ungarn wirbt Ministerpräsident Victor Orbán ungeniert mit kombinierten Anti-EU- und Anti-George-Soros bzw. Anti-Jude-Plakaten. Die entsprechenden Gewaltakte nehmen in ganz Europa zu. An beiden politischen Rändern keimen die alten Stereotype, nicht selten sind sich Verschwörungsfreunde und Antikapitalisten in den Schuldzuweisungen einig.

Auch das ist nicht neu. Ein Besuch in der Berliner Ausstellung «Zwei Leben. Auschwitz und danach» und im DDR-Geheimknast Hohenschönhausen, wo das Regime bis 1989/90 foltern liess, zeigt anhand der Schicksale, dass sowohl die Nazis wie die Kommunisten Freikirchler, Intellektuelle, Liberale und Sozialdemokraten einkerkerten. Im Osten wütete der Antisemitismus nach dem Krieg weiter, nicht wenige KZ-Überlebende mussten zurück in die Lager, neu unter stalinistischer Tortur.

System absorbiert toxische Energie

Man kann aufgrund der kaum änderbaren menschlichen Schwächen die zivilisierende Wirkung von Machtteilung, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit nicht hoch genug schätzen. Wir sind in der Schweiz mit der Viersprachigkeit, dem Föderalismus und den regelmässigen Volksabstimmungen gleich mehrfach gesegnet – in der Suche nach dem mehrheitsfähigen Kompromiss verlieren toxische Energien ihre destruktive Kraft. Doch auch hier sorgen die Social Media für sektiererische Blasen, die sich gegenseitig in ihren Feindbildern bestätigen und zu immer aggressiveren Ansagen anstacheln. Nach einem Referat an einer Diplomfeier in Zürich habe ich Eltern kennen gelernt, die tatsächlich an den Ritualmord der Juden glauben – im 21. Jahrhundert.

Als ich mich auf Facebook über die Schweizerische Offiziersgesellschaft wunderte, weil sie das leicht modifizierte Waffenrecht bekämpft, obwohl Armee, Polizei und Jungschützen davon überhaupt nicht betroffen sind und mit der Ablehnung erst noch die sicherheitspolitisch relevanten Vorteile von Schengen/Dublin verlustig gingen, donnerte in meinem iPhone eine Hassattacke nieder: Die europäischen Nachbarn sind Gessler, Sorgfaltspflichten im Umgang mit halbautomatischen Waffen des Teufels, wer anderer Meinung ist, soll sofort raus!

Dabei wird der ausgleichende Staat selbst zum Feindbild, inzwischen wird an hitzigen Veranstaltungen sogar die Sanität attackiert. Die Projektionen können auch die alten Menschen treffen, sie sollen neuerdings schuld sein an den Übeln der Welt. Es ist höchste Zeit, diese Verirrungen deutlich abzulehnen und wieder Anstand, (anstrengende) demokratische Diskussionen und Zivilcourage einzufordern.

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