Aufatmen weit über Frankreich hinaus: Nach dem Brexit und der Trump-Wahl bleibt der dritte populistische Coup aus. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn Marine Le Pen den Einzug ins Élysée geschafft hätte: In Paris, aber auch in Brüssel wäre kein Stein auf dem anderen geblieben.

Um Le Pen zu verhindern, schenkten die Franzosen ihre Gunst einem noch nicht 40-Jährigen. Das ist unerhört in einem Land, das von Königen und Kaisern, Generälen und bestandenen Staatspräsidenten wie de Gaulle und Mitterrand regiert wurde.

Macron-Anhänger feiern vor dem Louvre

Macron-Anhänger feiern vor dem Louvre

Paris - 7.5.2017 - Emmanuel Macron hat die Pyramide beim Louvre gewählt, um sich nach Bekanntgabe der Resultate der Präsidentschaftswahl in Frankreich der Öffentlichkeit und seinen Anhängern zu präsentieren. Macrons Fans warteten im Hof des berühmten Pariser Museums gespannt auf dessen Auftritt.

Ebenso neu für die Fünfte Republik ist, dass der Gewählte nicht dem Rechts- oder Linkslager entstammt, sondern dem politischen Zentrum. Der junge Strahlemann ist allerdings kein strahlender Wahlsieger. Rund 65 Prozent der Stimmen sind kein überragendes Resultat gegen eine Extremistin. Auch wenn sich die Situation seit 2002 verändert hat: Damals hatte Jacques Chirac gegen Jean-Marie Le Pen mit über 82 Prozent triumphiert.

Macron hat zudem nicht nur ein vages Programm, sondern auch eine schmale politische Basis. Alle Präsidenten der Fünften Republik hatten ein starkes Links- oder Rechtslager hinter sich und stemmten ihre ersten Entscheide im Élysée mit einem eigentlichen Volksplebiszit im Rücken. Macron wurde von seinen eigenen Wählern nur zu 40 Prozent aus Überzeugung gewählt, wie erste Wahlanalysen zeigen.

60 Prozent legten «par défaut» für ihn ein, das heisst, um Le Pen zu verhindern. Symptomatisch sind auch die hohe Stimmenthaltung und die ausserordentlich hohe Zahl der Leerstimmen – für viele Franzosen schon fast ein Misstrauensvotum gegen Macron.

Der Neue startet aus einer eher schwachen Position

Macron hat nicht nur keine Volksmehrheit, sondern auch keine eigentliche Partei hinter sich. Die Kandidaten seiner Bewegung «En Marche» für die Parlamentswahlen im Juni sind noch nicht einmal bestimmt. Werden sie in der Nationalversammlung eine Mehrheit erhalten? Wenn nicht, müsste Macron von Beginn weg mit einer Minderheit oder einer «cohabitation» regieren.

Die Konservativen wie auch die Sozialisten trachten nach ihrem Präsidentschaftsfiasko nach Rache. Und an den anderen Enden des politischen Spektrums drohen Volkstribune wie Le Pen und Jean-Luc Mélenchon. Macron, der Mann mit dem starken Selbstwertgefühl, startet damit aus einer eher schwachen Position.

Dabei müsste gerade der Jungpräsident beherzt zupacken können, um alte
Widerstände zu überwinden und das Land wirklich zu reformieren, statt wie sein Vorgänger François Hollande zu lavieren. Davon hängt die Zukunft Europas ab.

Ein Drittel Wählerstimmen für Le Pen, das offenbart die Misere breiter Wählerschichten und Landstriche. Diese einfacheren, ärmeren Wähler wieder in die Gesellschaft zurückzuholen, muss die erste Aufgabe des neuen Präsidenten sein. Ist der technokratische Eliteschulabgänger Macron die ideale Person dafür?

Die Franzosen sind noch so bereit, sich positiv überraschen zu lassen. Scheitert Macron hingegen, wird Le Pen weiter punkten. Die Kandidatin des Front National wurde noch deutlicher als erwartet auf die Ränge verwiesen. Bei der nächsten Wahl 2022 wäre sie aber wirklich bereit.