Einer der ersten Fälle von ernsterem Stalking endete mit einer Metamorphose. Daphne, selbst eine jungfräulich-fröhliche Jägerin wie Artemis/ Diana, wusste sich gegen den ihr nachstellenden Apollon nicht mehr anders zu helfen, als um die Verwandlung in – ausgerechnet – einen Lorbeerbaum zu bitten. Ihrer Bitte wurde entsprochen, seither tragen Apollo und seine Jünger Lorbeer auf dem Kopf. Der Mythos enthält auch noch den berühmten Liebespfeil, Eros verschiesst gleich zwei Pfeile: einen mit goldener Spitze auf den Gott und einen profanen auf die Nymphe.

Die griechischen Götter liessen sich durch Appelle an die Tugend oder dergleichen sowieso nicht aufhalten. Zeus kannte alle Tricks und wendete sie auch an. So gesehen hätte es die Pfeile nicht gebraucht. Man könnte spitzfindig einwenden, dass Zeus ein geiler Lüstling und Apollon ein ernsthaft verliebter Jüngling gewesen sei. Aber Eros’ Pfeile hatten eben gerade die unheilvollste Wirkung: Ihn machten sie verliebt, in ihr weckten sie die gegenteiligen Gefühle. Also ist Apollon ein Stalker, Zeus aber nicht?

Schreckliche Gefühle führen zu schrecklichen Taten

Die Liebe ist ein starkes Gefühl und unglück- liche Liebe ein noch stärkeres. Das ist die Formel, welche Skandale zeitigt. Liebe, die auf Ablehnung trifft, verwandelt sich in Destruktivität bis zum Hass. Der Terminus technicus, der all das erklärt, heisst Narzissmus. Der abgewiesene Liebende leidet an der Kränkung, sie überschwemmt seinen Charakter mit Gift. Bis er – nicht mehr er selbst – vielleicht gar gewalttätig wird. Es ist – wie oft, wenn es nur darum geht, die Intensität des Gefühls zu beweisen, – nur noch als Umschlag erklärbar. Und das erklärt eben dann gerade gar nichts. Das Muster dafür geht so: Wie schrecklich eine Zurückweisung ist, kann nur durch eine schlechthin unerklärbare Tat gezeigt werden. Symbole reichen nicht.

Natürlich wird da etwas verwechselt. Liebe als Gefühl ist ja gerade nicht so. Sie nimmt Rücksicht, kennt Verzicht und Duldung. Liebe lässt sein Gegenüber sein, wie es ist. Der grosse Soziologe Niklas Luhmann hätte darauf bestanden, dass Liebe kein Gefühl sei. Liebe ist, sagt Luhmann, ein Code. Eine Art und Weise zu sprechen. Wird innerhalb der Gesellschaft über Erotisches kommuniziert, verwendet man den Code der Liebe. Das klingt schrecklich, ist aber Luhmann. Das Buch «Liebe als Passion» wurde sein bestverkauftes. Vielleicht lag es nur am Titel. Aber ehrlich: Kann man «All you need is love» ohne Luhmann verstehen? Mit ihm auf jeden Fall besser.

«Meine Art, Liebe zu zeigen, das ist ganz einfach Schweigen»

So sang Daliah Lavi – wahrscheinlich ohne Luhmann gelesen zu haben. Der Kommunikationstheoretiker Paul Watzlawick hat allerdings kategorisch erklärt: «Man kann nicht nicht kommunizieren.» Vielleicht war Schweigen mal eine Ausformung des Codes, dies ist allerdings eher nicht zu erwarten. Geredet oder gedichtet oder gesungen wurde eigentlich immer. «Minne» hiess im Hochmittelalter der Zustand der unerreichbaren Liebe. Das musste so sein, weil – wie Freud sagte: – «Der Glückliche dichtet nicht.» Die provenzalischen Trobadors und die mittelhochdeutschen Minnesänger schrieben herzerschütternde Zeilen an die – per definitionem – unerreichbare Dame. Eichendorff greift das Motiv auf und lässt seinen Taugenichts von der «Viel schöne, hohe Fraue» singen, die aber «zu hoch und schön» für ihn ist. In der Novelle klärt sich dann alles einigermassen bürgerlich.

Denn inzwischen ist die Liebe als Heiratsgrund gesellschaftsfähig geworden. (Das Wort «minne» hat abgewirtschaftet und bedeutet jetzt konkret «Geschlechtsverkehr».) Jetzt erst kann man lieben bis zur bürgerlich-juristischen Vereinigung. Der Versuch, «Liebe» und «Sex» zu trennen, dauerte nicht lange und endete bei Oswalt Kolle (Film: «Das Wunder der Liebe», 1968 – der zweite Teil des Titels «Sexualität in der Ehe» wird gemeinhin unterschlagen).

Es gibt das Phänomen des «Es war um ihn/sie geschehen». Und es gab es schon immer. Wie mit diesem Ereignis gesellschaftlich umgegangen wird, macht nicht zuletzt die Art und Weise, wie man darüber kommuniziert, deutlich. «Es war Liebe» – das erklärt dann vieles, auch Unerwünschtes. «Worte zerstören, wo sie nicht hingehören» – das war jetzt wieder Daliah Lavi.