Einer der schönen Nebeneffekte von Söhnen, die in die Mittelschule gehen, ist die unentgeltliche Weiterbildung von uns Eltern. Glücklicherweise wird nicht mehr einfach nur gepaukt, sondern der zu vermittelnde Stoff in einen Gesamtkontext gestellt. Das macht das Abfragen vor einer Prüfung nicht nur interessanter, sondern fast schon spannend. Verführt allerdings ab und zu auch zu abenteuerlichen Schlüssen für die Gegenwart, wie bei uns zu Hause letzte Woche geschehen.

Unser jüngerer Sohn, der im Geschichtsunterricht im Mittelalter angelangt ist, hat den Spruch «Stadtluft macht frei» zu erklären. Wir erinnern uns: ein Vasall konnte sich von seinem Lehnherren befreien, wenn er sich während eines Jahres in einer Stadt aufhalten konnte. Kritisch, wie wir sind, erinnern wir uns auch daran, dass es mit der Freiheit nicht so weit her war. Denn gleichgestellt wurden die in die Stadt strömenden Freiheitshungrigen dann doch nicht. Dennoch würde es eine politisch denkende Geschichtslehrerin durchgehen lassen, diese mittelalterliche Rechtsregel mit der ersten Entwicklung der Urbanität zu verbinden. Urbanität als Sinnbild für Fortschritt, Wachstum, abwechslungsreiches Leben, die im Mittelalter – wenngleich nicht immer aus den gleichen Gründen wie heute – genauso anziehend wirkte wie heute. 

Der in Zürich lebende Sohn stellt denn auch zu Recht fest, dass es immer mehr Menschen in die Städte zieht. Das lässt sich auch statistisch nachweisen. Der Mittelschüler wird angehalten, als Quelle nicht Wikipedia zu konsultieren, sondern sich den Beweis bei den amtlichen Stellen zu holen: «Die Schweizer Bevölkerung ist mehrheitlich städtisch. Knapp 85 Prozent der Bevölkerung lebt im städtischen Kernraum und im Einflussgebiet der städtischen Kerne», ist bei der Bundesverwaltung zu lesen. Ausgehend von rund 410 000 Personen Ende des Jahres 2015 weisen die Bevölkerungsszenarien eine Bandbreite von 470 000 bis 520 000 Einwohnerinnen und Einwohner auf, lesen wir in einer Statistik des Zürcherischen Präsidialdepartements. 

Die zivilen und ökonomischen Freiheiten gelten also nach wie vor, bilanzieren mein Sohn und ich. Auch olfaktorisch stimmt der Spruch «Stadtluft macht frei» immer noch, wie uns dieselbe Quelle der Stadt Zürich beruhigt: «Die Luftqualität in der Stadt Zürich wird immer besser.» Was im Mittelalter ganz und gar nicht der Fall war. Die Gassen und Strassen waren bedeckt mit Müll und Fäkalien. 

Doch genügt das den Städten von heute noch lange nicht, stellt selbst der 13-Jährige schon fest. Die Lärmschutzverordnung des Bundes, erwidert die politisch argumentierende Mutter, wird gerne dazu benutzt, um «Tempo 30» auch an den unsinnigsten Orten einzuführen. In Zürich gilt in fast allen Quartieren Tempo 30 – auf 330 von insgesamt 673 Kilometern Strassen. Jetzt soll bald einmal auch auf zahlreichen Haupt- und Durchgangsstrassen die Geschwindigkeitsbegrenzung gelten. 

Urbanität hat seinen Preis, den die es in die Stadt ziehenden Menschen sogar gerne bezahlen. Sie streben ja wohl kaum in die Stadt, weil sie dieselbe Ruhe verlangen wie in ländlichen Gebieten. Das sehen die heutigen Lehnherrinnen und -herren, die links-grünen Regierungen und (zumindest das zürcherische) Parlament, anders. Generell stören sie mit Wachstum verbundene Entwicklungen. Geradezu exemplarisch dafür der jüngste Vorstoss der SP zum geplanten Hardturm-Stadionbau: Obwohl die Bedingungen erfüllt worden sind, indem die Investoren mit 174 gemeinnützigen Wohnungen sogar mehr als die geforderte Anzahl ins Hardturmareal aufnahmen, verlangt die SP nun einen noch höheren Anteil und gefährdet dadurch den in einer Volksabstimmung deutlich bewilligten Stadionbau. Dass eine Stadt auf Investoren angewiesen ist, um sich die zivilen und ökonomischen Freiheiten überhaupt leisten zu können, scheinen die Linken nicht verstehen zu wollen. 

Stadtherr zu sein, heisst Geben und Nehmen, das war schon im Mittelalter so. Persönliche Freiheit und Rechtssicherheit für alle (auch für das sich in den Städten ansiedelnde Gewerbe) waren wichtige Grundsätze. Ich bin mir nicht so sicher, ob das in der heutigen Zeit, zumindest in Zürich, auch noch gilt. Aber zumindest konnte ich mir in der Geschichtsprüfungs-Vorbereitung etwas Luft verschaffen und einen gewissen – zugegebenermassen einseitigen – Staatskundeunterricht damit verbinden. Als Mutter ist mir das ja erlaubt.