Am letzten Sonntag hat sich mein Grossonkel Eugen Fahrländer, der jüngere Bruder meines Grossvaters, einmal im Grab umgedreht. Er hat 1902 als gut 20-jähriger Jüngling mitgeholfen, den FC Aarau zu gründen. Doch eine solche emotionale Achterbahnfahrt wie zwischen Auffahrt und letztem Sonntag hat er wohl nie erlebt. Gut, anno 1902 war das Umfeld auch noch weniger hektisch und weniger geldgetrieben. Das war übrigens jener Grossonkel, der später als Tabakpflanzer nach Sumatra ausgewandert ist und dort einmal in grosser Not (wie er jedenfalls erzählte) einen Tiger erschiessen musste. Dessen Schädel ist in die Erbmasse unserer Familie übergegangen. Aber mit solchen Dingen spielt man sich heute besser nicht mehr auf.

Zurück zur Sportstadt Aarau. Es ist Turnfestzeit, die schweizerische Turnerbewegung kehrt an ihren Geburtsort zurück. 1832 wurde in unserer Kantonshauptstadt der Eidgenössische Turnverein gegründet und das erste «Eidgenösssische» durchgeführt. Eine der sechs Gründersektionen war der 1830 aus der Taufe gehobene Kantonsschüler-Turnverein Aarau (KTV). Die Gründung vor 187 Jahren war ein Meilenstein im Werden der schweizerischen Nation -(neudeutsch: «nation building»). In die gleiche historische Schublade gehört das erste Eidgenössische Schützenfest mit Gründung des Schweizerischen Schützenvereins anno 1824 – in Aarau. Und das erste Eidgenössische Sängerfest mit Gründung eines nationalen Sängervereins anno 1842 – natürlich in Aarau. Der Erste, der solche nationalen Feste angeregt hatte, war der in Aarau wirkende Heinrich Zschokke. 1848 wurde aus dem zusammengewürfelten Staatenbund ein Bundesstaat, eine Willensnation. Die Jahre davor waren geprägt durch die Suche nach Gemeinsamkeiten und Zusammenhalt. Die eidgenössischen Feste im ehemaligen Untertanenkanton Aargau spielten in diesem Prozess eine entscheidende Rolle.

In meiner Jugendzeit in Aarau gab es hier eine zweite Welle von «Eidgenössischen»: 1964 kamen die Schwinger (Schwingerkönig: Karl Meli), 1966 die Musikanten und 1972 wiederum die Turner. Im 21. Jahrhundert schliesslich eine dritte Welle: 2005 Eidg. Jodlerfest, 2007 Eidg. Schwing- und Älplerfest (Schwingerkönig: Jörg Abderhalden), 2010 Eidg. Schützenfest, 2015 Eidg. Volksmusikfest. Und nun also wiederum die Turner (heute natürlich: Turnerinnen und Turner). Eine eindrückliche Reihe. Aarau verdankt seine zentrale Rolle als nationaler Festort wohl vor allem drei Faktoren: der Tüchtigkeit und dem Organisationstalent, der eidgenössischen Loyalität – und dem prächtigen Festplatz im Schachen.