Im französischen Urlaubsort Juan-les-Pins an der Côte d’Azur sind am Sonntagabend mehrere Menschen verletzt worden, als aus Furcht vor einem Attentat eine Panik ausbrach. Offenbar hatten Knallgeräusche die Menschen aufgeschreckt. Ein ganz ähnlicher Vorfall ereignete sich, ebenfalls in den letzten Tagen, in der spanischen Kleinstadt Platja d’Aro an der Costa Brava. Und das war schon fast bizarr: Etwa 200 Menschen liefen schreiend und mit Selfie-Sticks bewaffnet durch die Gassen. Ahnungslose Urlauber, die die Bilder des Attentats von Nizza im Kopf hatten, dachten, es handle sich um einen Terroranschlag. Daraufhin brach gleichfalls Massenpanik aus. Die Passanten flüchteten in alle Himmelsrichtungen, rissen Stühle in den Strassencafés um. Kinder versteckten sich unter Tischen, einige verschanzten sich hinter den Gittern der Geschäfte. Die Notruftelefonleitungen brachen zusammen. Auch da: falscher Alarm.

Der «Terroranschlag» an der Costa Brava entpuppte sich als Flashmob, zu dem Betreuerinnen eines Jugendcamps in sozialen Netzwerken aufgerufen hatten. Dabei sollte simuliert werden, wie Paparazzi einen Prominenten verfolgen – ein schlechter Scherz. Vermutlich hätte vor ein paar Jahren niemand darüber berichtet. Doch der Vorfall macht deutlich, wie sehr sich heute die Angst vor Terror ins kollektive Gedächtnis eingebrannt hat. Den Urhebern des Flashmobs droht nun eine zweijährige Haftstrafe.

Man mag sich darüber streiten, ob Flashmobs als Ausdruck des Protests eine politische Bedeutung zukommt. Der Journalist Bill Wasik, der 2003 die ersten Flashmobs per SMS organisiert hatte, wollte die Spontan-Zusammenkünfte als satirisches Experiment verstanden wissen. Das Versammlungsrecht stellt jedoch keine qualitativen Voraussetzungen an Versammlungen. Das deutsche Bundesverfassungsgericht hat Flashmobs in einer Entscheidung als legitimes Mittel des Arbeitskampfs und der Versammlungsfreiheit anerkannt. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass die Flashmob-Teilnehmer in Spanien für die Ausübung eines Grundrechts bestraft werden. Das zeigt, wie verquer die Dinge liegen.

Die Gefahr besteht nicht nur darin, dass durch die Verhängung des Ausnahmezustands Grundrechte beschnitten werden, sondern dass eine Zensur im Kopf stattfindet, dass man sich aus Angst vor Repressalien gar nicht mehr auf die Strasse traut. Wird man nun für die Teilnahme an einer Versammlung bestraft? Isoliert betrachtet, unterscheidet sich das Vorgehen der spanischen Behörden nicht von denen eines autoritären Regimes. Zwar sollte man sich hüten, Spanien in die Nähe eines Unrechtsregimes zu rücken. Doch im Rückbau des Rechtsstaates betreibt der Westen das Geschäft der Terroristen.

Ziel der Terroristen ist es, freie Gesellschaften unfrei zu machen. Wenn man nun einen Flashmob, den man eigentlich für schützenswert erachtet, unter Strafe stellt, zeigt das, wie erfolgreich die Terroristen darin sind, unsere Ideale zu schleifen. Man mag den Flashmob-Aktivisten Naivität und mangelnde Sensibilität vorwerfen. Doch gehört es zum Kern des Rechtsstaats, neue Formen des Protests und der Partizipation zu akzeptieren, mögen sie noch so schrill sein. Ausgerechnet in Frankreich, jenem Land, in dem 1789 die Menschen- und Bürgerrechte erklärt wurden, deklamieren Politiker wie Laurent Wauquiez: «Es gibt keine Freiheit für die Feinde der Freiheit.» Das ist genau jenes bipolare Schema, in das der radikale Islamismus die westlichen Demokratien zwingen will.

Dass Urlauber Selfie-Sticks, die wie kein zweites Objekt für Hedonismus und Individualität stehen, für Waffen halten, beweist, dass der Krieg in unseren Köpfen angekommen ist. Es gibt in Phasen, in denen man Dinge verwechseln könnte, keinen unbeschwerten Bummel mehr, wenn man in jedem Objekt eine Waffe wittert, in jedem Menschenauflauf einen Anschlag. Und es ist auch nicht damit getan, wenn man jetzt das Bevölkern von Cafés und Flanieren zur ersten Bürgerpflicht ausruft, um dem Terroristen mit unserem Hedonismus die Stirn zu bieten. Auch die Erklärungen von Risikoforschern, Opfer eines Terroranschlags zu werden, sei unwahrscheinlicher als an einem Wespenstich zu sterben, wirken etwas billig, weil sie nicht zwischen Mord und Unfall differenzieren und Terror zu bagatellisieren versuchen. Ängste können durchaus rational sein. Dem islamischen Terror begegnet man nur, indem man standhaft bleibt und den Rechtsstaat schützt.