Die Liste mit Schulfächern, die zur Lösung gesellschaftlicher Probleme vorgeschlagen worden sind, ist bereits lang. Die Schule ist ein Einfallstor für Visionen: Nirgendwo sonst werden so viele formbare Menschen mit einem Anliegen konfrontiert.

Mit seinem neuen Buch «Die grosse Gereiztheit» verlängert der deutsche Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen diese Liste. Das Fach, das er vorschlägt, trägt den Titel «Medienmündigkeit». Die Vision, die er damit realisieren möchte ist die «redaktionelle Gesellschaft»: Pörksen möchte, dass sich alle Menschen wie gute Journalisten verhalten. Weshalb? Anhand von dramatischen Fällen und Analysen zeichnet er den Kontrollverlust nach, der im Netz zu einer umfassenden Nervosität geführt hat: Privatpersonen wie prominente Politiker müssen ständig damit rechnen, in einen öffentlichen Skandal verwickelt zu werden, der sie ihre Stellung und ihr gesellschaftliches Ansehen kosten kann.

Da wir alle auf den digitalen Plattformen publizieren, liegt es nahe, mit der schulischen Bildung auf diese Aufgabe vorzubereiten und Menschen dazu zu befähigen, ihrer Verantwortung im Umgang mit Informationen gerecht zu werden. Dabei ist besonders das Problem der Kontextverletzung knifflig: Was beim Pausencafé heute als salopper Spruch durchgeht, kann in fünf Jahren so eingesetzt werden, dass Menschen massiven Schaden davontragen.

Pörksen skizziert das von ihm entworfene Fach auf wenigen knappen Seiten. Es besteht aus vier Teilen: Ausgehend von einer Geschichte der digitalen Welt, die aufzeigt, welche gesellschaftliche Bedeutung das Netz aufweist, wäre eine «Machtanalyse der digitalen Welt» vorzunehmen. Dabei sollte deutlich werden, dass die Daten, welche die grossen Netzunternehmen verarbeiten, bedeutende Auswirkungen für Gesellschaft und Politik haben.

Man denke nur einmal an all die Gesundheitsdaten, die unsere Smartphones so ganz nebenher auf Servern in Kalifornien speichern. Wer wertet die aus? Was geschieht damit? Oder an die zunehmende Bedeutung der politischen Werbung aus Facebook, bei der Parteien und Kampagnenverantwortliche ganze Datenbanken in die Plattform hochladen, welche
diese wiederum mit bereits erfassten Informationen verknüpft. Diese Zusammenhänge zu verstehen, wird also je länger, je wichtiger, zumal neue Konzepte wie digitale Währung die Komplexität dieser Prozesse ständig erhöhen und wirtschaftliche, politische und soziale Herausforderungen verschmelzen.

Ein dritter Teil des Medienmündigkeitsfachs bestünde für Pörksen in dem, was er «angewandte Irrtumswissenschaft» nennt. Hinter dem Begriff verstecken sich Denkfallen, Wahrnehmungsverzerrungen, psychologische Tricks, mit denen unsere Gehirne es uns erschweren, die Welt so zu sehen, wie sie ist. Ein Beispiel dafür ist das Bestätigungsdenken: Wir suchen bei der Verarbeitung von Informationen ständig nach Bestätigung dessen, was wir für wahr halten. Dabei übersehen wir häufig das, was unseren Vorstellungen widerspricht.

Abgerundet würde das Fach mit einer «Praxis des Mediengebrauchs». Betrachtet man die Bewegung, die von den Jugendlichen ausgeht, die an der Douglas High School in Florida das Attentat überlebt haben, wird deutlich, dass sie gekonnt auf der medialen Klaviatur spielen: Sie präsentieren sich so, dass ihre Botschaft im Netz Widerhall findet. Das wirkt einfach und natürlich, ist aber schwer zu erlernendes Handwerk.

Von diesem aktiven Teil des Faches aus ist eine Kritik an Pörksens Konzept denkbar: Sie könnte einerseits fragen, weshalb das Handeln mit Medien nicht Ausgangspunkt des Fachs ist – würden theoretische Einsichten nicht leichter begreif- und nachvollziehbar, wenn man in einem Fach gemeinsame Erfahrungen im Netz macht? Das ist zumindest die Perspektive, mit der ich das Akzentfach «Die digitale Gesellschaft und ihre Medien» an der Kantonsschule Wettingen mitbegründet habe und welche bis heute die Unterrichtskultur prägt. Andererseits ist Medienhandeln Teil jedes Faches: Auch biologische Modelle, physikalische Experimente oder Bewegungsabläufe im Sport werden mit Medien dargestellt.

Eine integrative Sicht auf Medienkompetenz würde die Fachlehrer stärker in die Pflicht nehmen und von ihnen verlangen, Klassen mediale Aktivitäten zu ermöglichen und mit ihnen über die Bedeutung der Medien für ihr Fach nachzudenken.

Philipp Wampfler ist Gymnasiallehrer für Deutsch und Dozent für Didaktik des Deutschunterrichts und Experte für digitales Lernen.