Vor jeder Eishockey-WM stellen wir uns in der Schweiz die Frage: Was liegt drin für unsere «Eisgenossen»? Dürfen wir von einem Exploit träumen wie im Mai 2013, als die Mannschaft des damaligen Nationaltrainers Sean Simpson in Stockholm völlig unerwartet zur Silbermedaille stürmte?

Oder müssen wir schlicht hoffen, dass die Schweiz wenigsten das Minimalziel Viertelfinal erreicht? Das alleine ist schon schwierig genug. In den vergangenen sechs WM-Ausgaben scheiterten die Schweizer viermal in der Vorrunde. Einmal gabs Silber. Und vor zwei Jahren in Prag erreichte das Team zwar die Runde der letzten acht Teams, aber das trotz einiger miserabler Leistungen auch nur mit Glück.

Klammern wir also das Wunder von Stockholm aus, so ist im Zusammenhang mit unserer Eishockey-Nationalmannschaft dieser Tage eine gesunde Portion Skepsis angebracht. Die Schweizer Auswahl ist in ihren Leistungen unberechenbar geworden.

Eine Viertelfinal-Qualifikation, die noch in den Nullerjahren unter Ralph Krueger fast schon eine Selbstverständlichkeit geworden war, ist inzwischen bei weitem kein Selbstläufer mehr. Ein Platz in der K.-o.-Phase gelingt in der Regel nur noch, wenn wirklich alles zusammenpasst.

Zwiespältiger Eindruck nach der WM-Vorbereitung

Passt also in diesem Jahr mal wieder alles zusammen für die Schweizer? Schaut man sich die WM-Vorbereitung an, dann besteht durchaus die Hoffnung, dass sie ihre Leistungen in Paris auf die Reihe kriegen. Die Testspiele verliefen im Grossen und Ganzen positiv – mit Ausnahme
der Hauptprobe am vergangenen Dienstag gegen Weltmeister Kanada (1:4).

So stabil sich die Schweizer unter anderem in den beiden Vergleichen mit Russland präsentierten (2:1, 2:0), so desolat traten sie gegen die Kanadier auf.

Ein Auftritt, der das Bild der unberechenbaren «Eisgenossen» eindrücklich untermauerte. Wenn sie in Paris derart undiszipliniert und uninspiriert auftreten, dann wirds ungemütlich. So gross die Hoffnung ist, so gross ist also auch wieder die Skepsis. Klar ist, dass diese Mannschaft dringend einen guten Turnierstart benötigt. Dem ersten Spiel gegen Aufsteiger Slowenien (Samstag, 12.15 Uhr) kommt bereits enorme Bedeutung zu.

Sowohl in den Jahren 2015 (3:4 gegen Österreich) als auch 2016 (2:3 gegen Kasachstan) liessen die Schweizer zum WM-Auftakt jeweils gegen den Aufsteiger Punkte liegen. Und vor allem erlitt ihr Selbstvertrauen bereits zum frühestmöglichen Zeitpunkt nachhaltig Schaden, was den weiteren Turnierverlauf negativ beeinflusste. Die Schweizer Eishockey-Nati hat schlicht nicht mehr die Stabilität früherer Tage, als man solche Rückschläge zu kompensieren vermochte.

Ohne gelungenen Auftakt gibt es erfahrungsgemäss ein Geknorze

Ein gelungener WM-Auftakt ist umso wichtiger, als dass die Schweiz mit einem unerfahrenen Team nach Frankreich gereist ist. Der Davoser Andres Ambühl ist mit seinen über 250 Länderspielen der mit Abstand routinierteste Spieler. Weitere Routiniers lassen sich an einer Hand abzählen. Bis auf den 19-jährigen Denis Malgin von den Florida Panthers muss Nationaltrainer Patrick Fischer auf NHL-Verstärkungen verzichten.

Wie gross der Unterschied zwischen der NLA und der besten Liga der Welt inzwischen wieder geworden ist, zeigte der Vergleich mit den Kanadiern eindrücklich. Punkto Physis, Schnelligkeit und Spielwitz lagen Welten zwischen den beiden Mannschaften.

Was in diesem Zusammenhang auch im Hinblick auf das WM-Turnier Sorgen bereitet, ist die physische Schwäche der Schweizer. Auch wenn bei weitem nicht alle Gegner die Klasse der Kanadier haben werden – einen Trumpf hat jeder Kontrahent im Ärmel: Kampf und starke Physis.

Wer sich in den Zweikämpfen nicht durchsetzen kann, der sieht auch gegen Mannschaften wie Slowenien, Norwegen, Weissrussland oder Frankreich kein Land. Genau diese vier Kontrahenten müssen die Schweizer in Paris aber besiegen, wenn sie ihr Minimalziel Viertelfinal erreichen wollen.

An diesem Ziel wird sich auch Patrick Fischer messen lassen müssen. Die erste WM unter seiner Führung im vergangenen Jahr wurde zum Flop. Nun hat er – auch im Hinblick auf die Olympischen Winterspiele 2018 – den Trainerstaff nach seinem Gusto ausbauen dürfen. Jetzt muss auch er liefern.