Alle sind dafür: Sportminister Guy Parmelin, die Olympiasieger Bernhard Russi und Pirmin Zurbriggen, Dölf Ogi, der Architekt des Schweizer Triumphs von Sapporo, die Walliser Regierung, die Walliser National- und Gemeindepolitiker und natürlich auch die Sportjournalisten. Wer immer angefragt wird, sagt: doch, doch, das ist gut fürs Wallis, gut für die Schweiz, für den Sport. Aber keiner glaubts wirklich. Und am 10. Juni, wenn die Walliser an der Urne über einen Kredit von 61,8 Millionen Franken abstimmen werden, droht eine schwere Schlappe. Schon wieder.

Man braucht sich nur etwas umzuhören: das Volk ist dagegen. Dass der Wurm drin ist, merkt man auch am gespielten Enthusiasmus jener, die aus Eigennutz für Sion 2026 einstehen. Unser Skigenie Pirmin Zurbriggen flog extra auf den Gipfel des Matterhorns und entzündete dort symbolisch ein Feuer für Olympia unter dem Slogan «Ravivez la flamme!» (Entfacht die Flamme.) Und zwar in einem Fass der Firma Midland Oil, auf dem der Schriftzug der Firma gut lesbar ist. Ich hab gegoogelt: Midland Öl kann jedem Fahrzeughalter als «idealer Schmierstoff für den Motor» empfohlen werden. Was hat das mit Olympia zu tun?

Der Olympia-Promoter der ersten Stunde ist zurzeit im Out

Etwas hilflos, amateurhaft wirkte auch die Pressekonferenz in der extra zu diesem Zweck geöffneten Hörnlihütte mit Regierungsrat Christophe Darbellay und Christian Constantin, dem Olympia-Promoter der ersten Stunde. Er ist eigentlich der Einzige, der seit Jahren für Sion 2026 geweibelt und die Beziehungen zwischen Bern, Sion und den Sportgewaltigen gepflegt hat. Leider ist der FC-Sion-Boss wegen seiner kuhkämpferischen Art, Konflikte auszutragen, zurzeit im Out. Hat aber grosszügigerweise die Domaine-Rechte auf Sion 2026 dem Staat Wallis gratis abgetreten (aber die für 2030 für sich behalten, nur so nebenbei gesagt). Auch abgemeldet ist der erste Präsident des Komitees für Sion 2026, der Lausanner Rechtsanwalt Jean-Philippe Rochat, weil er im Zusammenhang mit den Panama-Papers ins Zwielicht geraten ist.

Nun stehen dem Jahrhundertprojekt der junge, sehr überzeugte Regierungsrat Frédéric Favre und zwei Herren vor, die unweigerlich an die Senioren der Muppet-Show erinnern: Der pensionierte Bieler Stadtpräsident und Berner SP-Ständerat Hans Stöckli und der Zürcher SVP-Nationalrat und Präsident von Swiss Olympic Jürg Stahl. Fragen Sie mal in Brig oder Sitten die Passanten, wer Stöckli und Stahl sind. Wie gesagt: die Signale für Sion 2026 stehen beim Volk, bei den Hoteliers, Wirten und Kleinunternehmern nicht auf Grün. Und schon gar nicht bei den Grünen, die nicht an den Spruch von den «nachhaltigen» Spielen glauben. Und noch weniger, dass das IOC jemals Spiele will, wo nicht mit Milliarden geklotzt wird.

Was den Walliser Kurorten droht, sieht man rund um Pyeongchang

Jetzt haben auch alle gesehen, dass die koreanischen Skiorte rund um Pyeongchang fast Pleite machen, weil wegen der Olympischen Spiele zwei Drittel der Kundschaft wegbleiben. Das droht auch den Walliser Kurorten. Wer will sich schon in den Stau begeben, überhöhte Preise zahlen und andere Unannehmlichkeiten in Kauf nehmen, wenn das Wallis von Offiziellen und Athleten überschwemmt wird? Und was geschieht mit den 5000 Betten, die bei Sion zusätzlich gebaut werden müssten, wenn Olympia vorbei ist? Was bringt Olympia dem kriselnden Bergtourismus: kleinere Unternehmen machen reihenweise Pleite, und die Bauwirtschaft leidet wegen der Einschränkungen im Zweitwohnungsbau.

Mit dem Geld für Olympia könnte man sicherere Strassen in die Seitentäler bauen, damit Spitzenkurorte wie Zermatt oder Saas-Fee nicht mehr durch starken Schneefall respektive Lawinen von der Welt abgeschnitten werden. Und man könnte viele nützliche, nachhaltige Projekte vorantreiben, die zurzeit blockiert sind: Das Aletschgebiet wartet seit Jahren vergeblich auf eine geplante Verbindungsbahn zwischen Belalp und Riederfurka. Die Autobahn bis Brig ist immer noch nicht vollendet. Die Hotellerie und die Bergbahnen brauchen dringend günstige Kredite für Renovationen und Ausbau der Infrastruktur. All das bringt uns Olympia nicht, sagen die Leute an der Basis. Im Gegenteil: es wird alles in einen Topf geworfen, und das lähmt: die Geldflüsse, das Verkehrssystem, die Hotels, die Bahnen und die Behörden. Man hört es in Brig, in Sitten, in Martigny und Zermatt. Aber eigentlich will es keiner gehört haben. Der Weckruf kommt am 10. Juni.