Gleichberechtigung

Sinkende Insel der Glückseligen

Die Ökonomen der Universität St. Gallen kommen zum Schluss, dass sich zwar die Öffnung der Einkommens-Schere hierzulande in Grenzen halte, aber die Superreichen noch reicher geworden seien. (Symbolbild)

Die Ökonomen der Universität St. Gallen kommen zum Schluss, dass sich zwar die Öffnung der Einkommens-Schere hierzulande in Grenzen halte, aber die Superreichen noch reicher geworden seien. (Symbolbild)

Journalistin und Moderatorin Susanne Wille schreibt in ihrer Kolumne über die Frage, ab wann die Ungleichheit nicht mehr gerechtfertigt ist.

Die Vergangenheit wird oft als nostalgische Verklärung abgetan. Dabei kann Zurückschauen im Jetzt die Augen öffnen. Archive als muffige Abstellräume? Von wegen. Es sind Schatztruhen von Geschichten. Alte Dokumentarfilme als längst überholte Streifen? Von wegen. Es sind Zeitdokumente, quasi nationale Identitätskarten. Und so stiess ich letzthin beim Stöbern wieder auf eine Perle. Ich fand Aufnahmen eines englischen Filmemachers, der 1958 seinen Blick auf unser Land verewigte. Es ging um eine Schweiz, die in seinen Augen unerschütterlich, politisch neutral war und mitten im Kalten Krieg friedlich existierte. Peace Loving Switzerland war der Titel.Der Autor stellte bewundernd fest, dass die Menschen hier nicht gehetzt seien (im Bild langsam schlendernde, Kinder an der Hand führende, schwänefütternde Passanten). Autos gäbe es kaum. 

Aber es war etwas anderes, das mir auffiel. «The Swiss people have achieved unity and they are prosperous. Few are very rich or very poor.» Die Schweizer seien also ein einig Volk, wohlhabend, mit wenigen ganz Reichen und wenigen ganz Armen. Nun, so wie die Autodichte in den letzten 60 Jahren zu-, die Tiefenentspannung der Schweizer etwas abgenommen hat (auch wenn es hie und da natürlich immer noch schwänefütternde Passanten gibt), so müssen wir die Sache mit dem Geld inzwischen etwas kritischer betrachten. Auch wenn die Schweiz international gesehen gut dasteht. Im Vergleich zu Brasilien beispielsweise. Der krasse Gegensatz zwischen Arm und Reich hat ja sogar den Begriff «Brasilianisierung der Gesellschaft» geprägt. Nein, das ist nicht die Schweiz. Keine Favelas neben rich-people’s Millionen-Penthouses wie in Rio.

Geburt entscheidet offenbar noch immer

Und doch, der aktuelle Bericht der Autoren Reto Föllmi und Isabel Martinez lässt aufhorchen. Die Ökonomen der Universität St. Gallen kommen zum Schluss, dass sich zwar die Öffnung der Einkommens-Schere hierzulande in Grenzen halte, aber die Superreichen noch reicher geworden seien. Auch sei die Vermögenskonzentration bemerkenswert. Den reichsten 1 Prozent gehörten inzwischen rund 40 Prozent des Gesamtvermögens in der Schweiz, ziehe man die Vorsorge mit ein, sinke der geschätzte Wert auf etwa 30 Prozent. Immerhin.

Problematischer noch find ich, was die Ökonomen zur sozialen Mobilität sagen. Sie berechnen, dass an Universitäten unter allen Studierenden nur 6 Prozent aus einem Elternhaus mit tieferer Bildung stammen. Da sag ich: Die Geburt soll doch nicht über einen Uniabschluss entscheiden dürfen, nicht in einem so reichen Land wie dem unseren. Unser Bildungssystem bekommt zwar viel Lob, weil von der Lehre über Fachhochschule viele Wege zum Erfolg führen. Trotzdem dürfen wird nicht blind sein für Ungleichheit.

Umverteilungs-Wünsche und Verlustängste thematisieren

Na gut, es gibt auch Stimmen, die betonen, dass eine ungleiche Gesellschaft für eine dynamische Wirtschaft sorge. Sieht Person A, dass es Person B besser geht, hat sie einen Anreiz, sich auch ein Stück des Kuchens zu ergattern. Aber ich finde, wenn die Ungleichheit nicht als Antrieb, sondern als unfairer Status quo verstanden werden kann, muss eine Gesellschaft dies ernst nehmen. Verschiedene Initiativen sind denn auch vor diesem Hintergrund zu lesen: 1:12-Initiative, bedingungsloses Grundeinkommen, aber auch bei der Rentenreform 2020 spielte die Verteilfrage mit. Heisst, auch wenn die Schweiz im Vergleich zum Ausland immer noch als Insel der Glückseligen gilt, so müssen wir wachsam schauen, wo Trennfaktoren die Menschen beschäftigen. Auch die aktuelle Debatte um die Personenfreizügigkeit dürfte nicht unabhängig von der Verteilfrage geführt werden. 

Gut ist – und ja, jetzt folgt wieder mal das Hohelied auf unser politisches System –, dass wir mit der direkten Demokratie gesellschaftliches Unbehagen an die Urne bringen und so diese Debatten lebendig halten. Sodass Umverteilungs-Wünsche oder Statusverlust-Ängste diskutiert werden können. 

Zurück zum Film von 1958: «Few are very rich or very poor», lautete der Kommentar. Über malerischen Dorf-Bildern hiess es übrigens auch, dass die Frauen in der Schweiz jeweils gerne frühmorgens auf den Markt gingen, um frisches Gemüse für ihre Familie einzukaufen. Dass inzwischen doch einige Frauen in Büros oder auch in den Chefetagen arbeiten, dass aber auch hier Ungleichheit ein Thema ist, das wäre dann wieder ein anderes Kapitel. The End – vorerst.

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