Männer, die 100 Prozent arbeiten, sind glücklichere Väter als Teilzeitler. Dieses Ergebnis einer Studie hat unlängst nicht nur für einigen Wirbel gesorgt, sondern auch einer anderen Untersuchung widersprochen, welche das Gegenteil herausgefunden hatte: Nicht Vollzeit-, sondern Teilzeit berufstätige Männer seien glücklicher, weil ihnen die Balance zwischen Kind, Familie und Beruf besser gelingen würde.

Doch die Frage, welche der Studien glaubwürdiger ist, führt kaum weiter. Bedeutsamer ist die Problematik, dass Vollzeitler immer wieder gegen Teilzeitler ausgespielt werden. Nicht selten positioniert die Familienpolitik den «neuen» Vater als Gegenentwurf zum Modell des männlichen Haupternährers als Mangelvater. Welch kurzsichtiger Blick! Die Forschung belegt zur Genüge, dass solche Gegenüberstellungen nur sehr beschränkt Gültigkeit haben. Die väterliche Präsenz ist lediglich eines von verschiedenen Qualitätsmerkmalen.

Deshalb ist es ziemlich ideologielastig, dem Haupternährermodell seine Legitimation abzusprechen, zumal statistisch besehen 70 Prozent der Familien dieses Modell praktizieren. Er arbeitet 100 Prozent (oder zumindest fast) und sie zwischen 20 und 50 Prozent, wobei drei Viertel der Paare diese Entscheidung in gegenseitigem Einvernehmen gefällt haben. Die Ergebnisse unserer Tarzan-Studie belegen zudem, dass eine egalitäre Rollenaufteilung nicht per se optimaler für die kindliche Entwicklung ist als andere Familienmodelle. Vollzeit arbeitende Männer können genauso engagierte Väter sein und positiv auf die Kinder einwirken.

Das Vollzeit-Teilzeit-Modell erlaubt es Paaren, ein modernes Rollenbild zu leben, ohne das finanzielle und organisatorische Gleichgewicht der Familie zu beeinträchtigen. Es ist daher kaum erstaunlich, dass viele Männer und Frauen angeben, mit ihrem Modell zufrieden zu sein. Doch dies sollte uns nicht davon abhalten, uns auch mit den Problemen von Paaren zu beschäftigen, die aufgrund ihrer finanziellen Verhältnisse gar nicht die Wahl haben, sich für ein egalitäreres Modell zu entscheiden. Manche Männer und Frauen in schwierigen Berufsverhältnissen tun viel dafür, eine sozial abgesicherte Vollzeitbeschäftigung halten zu können oder den ungesicherten Teilzeitarbeitsverhältnissen zu entfliehen.

Doch betrachtet man Werbekampagnen, dann berücksichtigen sie solche Bedingungen kaum. Wo wird darauf Bezug genommen, dass Paare nicht nur Liebes-, sondern auch Wirtschaftsgemeinschaften sind und für ihre Existenz (manchmal auch für ihre Ansprüche!) ein gutes Einkommen unabdingbar ist? Welche Appelle berücksichtigen, dass eine noch so positive Einstellung beider Partner oft nicht ausreicht, um eine gleichberechtigte Partnerschaft zu realisieren, weil es nicht nur innere, sondern auch äussere Zwänge gibt?

Somit geht es kaum nur um die Frage, wie viel Männer arbeiten sollen. Herauszufinden, wie die Bedürfnisse der Familie mit denjenigen der Karriere und den damit verbundenen Herausforderungen kombiniert werden können, ist weder ein männliches noch ein weibliches Problem, sondern ein Paarproblem. Auch Paare, welche sich auf ein vielleicht befristetes Modell konzentrieren, das eine Vollzeittätigkeit für den einen Elternteil und den Ausstieg für eine begrenzte Zeit für den anderen Elternteil vorsieht, sollten ihr Abbild in den Leitideen einer fortschrittlichen Familienpolitik finden können. Väter, die weniger arbeiten wollen und auch können, oder Mütter, die für eine bestimmte Zeit die Berufsarbeit sistieren, sind weder neue Helden noch Versager, weder Aussteiger noch biedere Hausfrauen, sondern Männer und Frauen, die alternative Entscheidungen über Arbeit und Familie treffen.

Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie erfordert eine neue Sicht auf Vater- und Mutterschaft. Deshalb brauchen wir eine Familienpolitik, welche die gesamte Bandbreite der Familienmodelle widerspiegelt. Das richtige Modell gibt es nicht. Die Ausspielung von Vollzeitlern und Teilzeitlern ist deshalb nichts mehr als gesellschaftspolitische Rhetorik. Trotzdem sollten Paare die Folgen der Wahlfreiheit früh diskutieren und ihre Zukunft in den Blick nehmen. Scheitert die Partnerschaft, haben die verschiedenen Modelle unterschiedliche Abhängigkeiten zur Folge.

Neue Väter brauchen neue Mütter. Warum Familie nur gemeinsam gelingt Piper, München, 304 Seiten.

Lesungen von Margrit Stamm am 15. September, 19.30 Uhr, im Orell Füssli in Aarau und am 25. September, 19 Uhr, im ZAP* in Brig.