Zugegeben: Meine Maturreise hat vor ein paar Jahrzehnten stattgefunden. Es ging nach London. Die schwerwiegenden Folgen des tiefgreifenden Strukturwandels waren damals auf Schritt und Tritt zu spüren. Grossbritannien war der «kranke Mann Europas», und die Engländer litten an der «britischen Krankheit». In der Eisen- und Stahlindustrie, Textilindustrie und im Schiffsbau, später auch in der Autoindustrie gingen Massen von Jobs verloren. Gerade Mitte der 1970er-Jahre stieg die Arbeitslosigkeit auf der Insel dramatisch an, 1976 überschritt sie erstmals die Millionengrenze. Die jährliche Inflationsrate erreichte 1975 einen aus heutiger Sicht schier unglaublichen Spitzenwert von fast 25 Prozent. Der graue Nebel von Deindustrialisierung, Verödung der grossen Industriestädte und riesiger stillgelegter Fabrikanlagen klebte wie Mehltau über der britischen Gesellschaft.

Soho war trotzdem aufregend für Jugendliche aus dem Emmental. Neben rotem Licht und nackten Gestalten hinter blossen Fensterscheiben lockten schrille Casinos mit allerlei Versprechungen. Aber in den Spielhöllen der britischen Hauptstadt tummelten sich nicht nur Touristen. Am häufigsten und heftigsten zockten einheimische Senioren und Seniorinnen. In Handtaschen trugen sie Altersrente und Arbeitslosengeld in Form von Münzen vorne zu den Geldautomaten, den einarmigen Banditen und den Penny Pushern, oder als Fünf-Pfund-Scheine in die hinteren Festsäle an die zu Dutzenden aufgereihten Bingo-Tische. Vordergründig ging es um Glücksspiel. In Wahrheit war es ein stummer Aufschrei gegen die Hoffnungslosigkeit.

Heute, ein paar Jahrzehnte später, erlebe ich ein Déjà-vu! Überall treibt es die Senioren an die Spieltische und Glücksspielautomaten – zunehmend und immer mehr auch an die elektronischen Spielkonsolen, der Xbox von Microsoft, Wii von Nintendo oder der PlayStation von Sony. Aber dieses Mal sind es nicht wie im England der 1970er-Jahre Frust und Verzweiflung, sondern Lust und Freude, die den Zulauf verursachen.

Die Altersklasse 60+ ist die Kundengruppe, deren Nachfrage nach «E-Games», Videospielen und elektronischen Glücksspielen in den nächsten Jahren schneller wachsen wird, als es bei Jüngeren der Fall ist. Erstens haben die «Silver Agers» beides: sowohl Zeit wie Geld, um dem Spieltrieb zu frönen. Was lange schon von Marketingabteilungen bei Essen und Trinken, Kleiden und Schminken in Form altersspezifischer Angebote für den Mann und die Frau ab 60 Jahren anerkannt wurde, bei Erlebnis- und Entdeckungsreisen, Sport- und Fitness-, Lehr- und Kulturangeboten sowie Vergnügungs- und Freizeitaktivitäten gang und gäbe ist, gilt zunehmend auch für «Spielen und Zocken»: Senioren sind – da kaufkraftstark – eine höchst attraktive Zielgruppe für Geldmacher.

Zweitens wird nun erstmals eine Generation in den Ruhestand gehen, die zwar noch nicht mit dem Smartphone, aber doch dem PC gross geworden ist und ein Berufsleben lang mit Hard- und Software gearbeitet hat. Die jungen Alten bleiben auch in fortgeschrittenem Alter an technologischen Neuerungen interessiert. Sie wollen elektronisch am Ball bleiben, mitspielen und Spass haben, wie sich gerade letzte Woche an den vielen grauhaarigen Besuchern auf der gamescom 2018 in Köln zeigte. Die «Bilanz»- Kolumnistin Annerose Tashiro berichtet, dass in Deutschland innerhalb eines Jahres die Anzahl der Spieler im Alter von 50+ um 800 000 auf nun insgesamt 9,5 Millionen stieg. In der Schweiz dürfte dieser Trend der Alten zum Spielen nicht anders sein.

Weniger als bei Wettbewerben in der Vergangenheit wird an Spielkonsolen oder bei E-Games der Jahrgang über Sieg oder Niederlage entscheiden. Gerade im Bereich des E-Sports und des «Gamings» können altersbedingt schwindende körperliche Kräfte, verringerte Reaktionsfähigkeit oder verloren gehende Schnelligkeit relativ einfach und effektiv durch digitale Assistenzsysteme, künstliche Intelligenz, Seh-, Hör- und Sprachhilfen korrigiert – ja, vielleicht sogar überkompensiert – werden. Kreativität und Fantasie, Cleverness und Nervenstärke, kluge Strategie und gewiefte Taktik, räumliches Orientierungsvermögen und laterales Denken hingegen müssen mit fortschreitendem Alter nicht schlechter werden – im Gegenteil. Im Zeitalter der Digitalisierung sind also die Voraussetzungen besser denn je, um beim elektronischen Spielen und Zocken als Silver Gamer Gold zu gewinnen!