Der Winter kommt in seiner nervigen Phase an. Gut so, sagen viele, das produziert Fernweh und Sommerlust. Ich bin umzingelt von 70+-Rentnern, die fliegen mal nach Singapur, wenn sie nicht grad in den kanadischen Wäldern unterwegs sind oder in Doha oder auf Kurzvisite in Madrid. Stets auf dem Sprung irgendwohin, dort sehen sie sich dies und jenes an, kommen retour, bestenfalls gibt es was zu erzählen, bald ziehen sie wieder los, nicht um irgendwo anzukommen, sie schauen bloss da und dort vorbei, nie bleiben sie hängen, nie verlieren sie sich, sie kehren zuverlässig zurück, präzis so, wie sie ausgezogenwaren. Nicht dass sie es hier nicht aushielten, sie finden es hier ganz famos, nirgends ist das Leben sicherer, die Politik stabiler, die Rente höher; heimatliche Feiertage bleiben Fixpunkte im Kalender, also nichts von «Bloss weg hier!», eher umgekehrt: Weil hier alles so geordnet läuft, lockt der Tapetenwechsel. Reisen ist wie Fernsehen, nur aufwendiger.

Dann fallen Sätze wie dieser: «Wir sind überall auf der Welt zu Hause.» Ich zucke schon zusammen, wenn man mir im Hotel sagt: «Fühlen Sie sich wie zu Hause!» Bloss das nicht. Dann kann ich gleich zu Hause bleiben. Ich habe es da nämlich ziemlich feudal. Warum soll ich weg, wenn ich nicht weg von mir selber will? Um irgendwo im Pazifik fein zu essen? Klar, bei Reisen machen wir ein Programm: Was kann ich dort alles tun? Neugierig bin ich jedoch darauf: Was macht der Ort, das Leben dort mit mir? Nicht: Wo ist mir pudelwohl? Eher: Wo werde ich wieder einmal irritiert, verführt? Sehnsucht nach Verwandlung.

Was wäre mit einem GPS aus Columbus geworden?

Die wird erschwert durch Online-Buchungen. Algorithmen filtern prompt den Urlaub heraus, der zu mir passt. Aber ist der Urlaub, der zu mir passt, auch der Urlaub, der mich beglückt? Könnte es sein, dass wir uns nach einem Urlaub sehnen, der gar nicht so passgenau zu unserem bisherigen Leben passt, sondern eine neue Phase startet, also nicht bloss die Verlängerung meiner Datensätze ist, sondern etwas Neues, ein Urlaub, von dem ich selber noch nicht weiss, wie fabelhaft er mich erneuern wird?

Paradefall Kolumbus. Hätte er ein halbwegs smartes GPS an Bord geführt, er wäre prompt gelandet, wo er hinwollte: in Indien. Nun war er analog unterwegs, er verfuhr sich – und entdeckte Amerika. Wollen wir das nicht alle – unser Amerika entdecken? Terra incognita statt Bedürfnisbewirtschaftung. Wie in grossen Konzerten, wenn wir die Augenblicke als die reichsten erfahren, in denen wir uns verlieren, unseren Alltagsmodus vergessen. «Glück ist», sagt Arthur Schnitzler, «was unsere Seele durchrüttelt.»

Warum packen wir nicht zu Hause tüchtig an?

Goethes «Italienische Reise» ist vor 200 Jahren erschienen. Das war kein Urlaub, eher eine Flucht. Er war 37, Europas berühmtester Dichter, studierter Jurist, Minister in Weimar. Nach zehn Jahren Bürokratie und Hofleben fühlte er sich leer, ausgebrannt, würden wir heute sagen. Seine Liebe zu Charlotte von Stein blieb platonisch. Die Reise nach Italien war die Suche nach der verlorenen Sinnlichkeit. In Trient schon notierte er: «Eine ganz andere Elastizität des Geistes. Die Sonne scheint heiss, und man glaubt wieder einmal an einen Gott.»

Nach zwei Monaten in Rom schreibt er: «Ich erlebe eine wahre Wiedergeburt.» Zieht in eine Künstler-WG, verwandelt sich unter dem Decknamen Johann Philipp Möller in einen Malergesellen. Schwärmt durch die Nächte, dichtet, zeichnet, zecht – und liebt, endlich nicht länger nur platonisch, er trifft Dirnen, Faustina liebt er. Schluss mit der Weimarer Aufspaltung in Sex mit Nutten und «schönen Gefühlen» mit Damen der Gesellschaft. «Ob ich gleich noch immer derselbe bin, so mein’ ich, bis aufs innerste Knochenmark verändert zu sein.»

Reisen als Metamorphose: die protestantische Selbstbesoffenheit loswerden. Eintauchen
in das sinnliche Leben. Abtauchen zu den eigenen Wurzeln, den fremden Trieben, die unter der zivilisatorischen Kontrollvernunft mehr unterdrückt als geleitet werden.
Reisen: Nicht irgendwo vorbeischauen, Ernst machen mit dem Fremden, Ernst mit dem fremden Spiel, als Akteur, nicht bloss als Passagier. Eine Partitur mitspielen, die unsere unerlösten Kräfte fordert.

Wenn Reisen uns nicht verwandelt – warum bleiben wir dann nicht zu Hause nund packen hier tüchtig was an?

Ludwig Hasler ist Kolumnist in Fachzeitschriften für Management und Kommunikation, Referent für Fragen der Zeit-Diagnostik. Sein jüngstes Buch: «Des Pudels Fell. Neue Verführung zum Denken».