Wenn ich weg dene drü Minute schwanger bin, denn tuenis abtriebe und lah mich scheide» – Ich klicke auf die zwei dicken Striche unten links, um das Video anzuhalten und pruste in meinen Laptop wie ein kleiner Junge, der gerade einen massiven Furz angezündet hat. Genau wie der Bub erschrecke ich ob der eben verursachten Explosion.

Die neue Serie von Güzin Kar – «Seitentriebe» auf SRF – wird im Netz kreischend diskutiert und rege angeklickt. Bald 120 000 Mal drückt die Schweiz auf Play. Anscheinend überschlagen sich im Netz die schlechten Kritiken zur Serie; das erzählt man mir, wenn ich den Leuten, manchmal Fremden im Zug, empfehle, sehr sehr dringend «Seitentriebe» zu schauen. Ich weiss nicht, was in den Kommentarzeilen über «Seitentriebe» geschrieben wird; niemals würde ich freiwillig irgendwelchen Output im Netz lesen. Ich kann die Meinung nicht ernst nehmen von irgendwelchen ghässigen Leuten vom Profil «sieben Jahre später noch wütend sein auf den Kassierer, weil dieser vergessen hat, die Sammelmärkli mitzugeben».

Ich will, dass die Serie weitergeht mit doppelt so vielen Episoden

Grundsätzlich glaube ich absolut niemandem im Internet und nehme auch keine Serienkritiken ernst von Netz-Riots. Mit drei Ausnahmen: LateNight-Moderator Jan Böhmermann, Autorin Ronja von Rönne und Regisseur Maximilian Speidel. Diese drei Menschen bilden meinen Geschmack und da Böhmermann und von Rönne kein Schweizerdeutsch verstehen und die Serie absolut abgesegnet wurde von Speidel, kann mir das restliche gesamte Internet die Blockchain runterrutschen.

Ich liebe diese Serie ab Minute eins und verspüre ein angenehm weiches Gefühl in Rachen- und Magengegend. Ist das vielleicht Stolz? Stolz, dass in der kleinen reichen Schweiz eine Schweizer Regisseurin und Autorin so ein geiles Stück Serie produziert hat? Ich will 1. dass die Serie weitergeht mit mindestens doppelt so vielen Episoden und ich wünsche mir 2. dass sie wegen mir und dieser Kolumne eine Fortsetzung zugesprochen bekommt, damit ich 3. aus überschwänglicher und absolut ungerechtfertigter Dankbarkeit eine kleine Rolle erhalte, wo ich der Hauptfigur Gianni durch die Locken ploppen kann. Natürlich bringt eine Kolumne alleine nicht viel, Sie müssten mir irgendwie behilflich sein, damit wir gemeinsam «Seitentriebe» Staffel zwei und drei kriegen. Optimalerweise würden wir den SRF-Player zum Rauchen bringen, indem wir so häufig auf die Serie klicken, bis das Play-Zeichen komplett abgewetzt ist.

Sie bekommen neue Wortkreationen für Ihr Smalltalk-Reportoire

Sie gehen auch nicht mit leeren Händen aus. Ich kann Ihnen zwar kein Locken-Geploppe versprechen, das kann ich ja noch nicht mal mir selber. Aber je nachdem, wie Sie so drauf sind, werden Sie während des Durchbringens der Serie auch zwei Dutzend Mal so erschrecken wegen der ungeschönten Darstellung von Liebesbeziehungen, dass Sie nicht anders können, als sehr laut zu lachen. Man ist wehrlos ob der Dialoge und Ausrufe von Gianni, so, wenn er einen Mann aus seinem Haus wirft und hinterher ruft: «Nur will du mini Frau fi****, dörfsch no lang nöd d Gomfi vo minere Muetter fresse!» Oder Sie bekommen ganz viele neue Wortkreationen, die Sie in Ihr Smalltalk-Repertoire aufnehmen können, wie die Wortschöpfung «Beziehungs-Guantanamo».

Es ist nicht ausgeschlossen, dass Ihnen diese Serie nicht gefällt. Das macht dann irgendwie aber auch nix, also im Gegenteil: Sogar das wäre ein Gewinn, weil so hätten Sie achtmal 23 Minuten Material, um sich so richtig gross und überschwänglich aufzuregen. Wer sich normalerweise über nicht-entfuselt zurückgelassene Tumbler in der Waschküche komplett vergisst, hätte mit «Seitentriebe» sein ganz persönliches Armageddon gefunden.

Jeder kriegt etwas für seinen Klick: ich mein Geploppe (hoffentlich), Sie etwas zum Kichern oder um passiv-aggressive Gefühle zu schüren. Und wenn Sie Glück haben, sogar noch das süsse Gefühl der Erleichterung, weil endlich mal jemand keine Disney-Liebesgeschichte auf den Bildschirm gebracht hat. Für jede und jeden ist was dabei, würdi mal sagen. Ausser für Leute, die auch noch im erwachsenen Alter lieber Fürze anzünden. Die gehen tatsächlich leer aus.